Matty – Déjàvu (2018)

Von seiner Hauptaufgabe als Keyboarder von BadBadNotGood musste Matty Ende 2017 einen längeren Break nehmen. Über die kreativen Auswüchse dieser Phase freuen sich Fans von psychedelisch angehauchtem Bedroom-Pop.

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Erschienen am 15. Juni 2018 auf Matty Unlimited

Jazz kann anstrengend sein und das Tourleben mit einer großen Band sowieso. Wenn man wie sich dann auch noch bei jeder Gelegenheit die Nächte als DJ um die Ohren schlägt wie Matty Tavares, kann das natürlich schnell mal zu viel werden. Als die Depressionen nicht mehr zu umschiffen sind, zieht er sich völlig zurück und beginnt wieder, für sich alleine Musik zu machen. Doch wer sich jahrelang darauf konzentriert hat, die kompositorischen Visionen von anderen umzusetzen, weiß oft gar nicht mehr so wirklich wohin mit den Tönen.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

An der Kreativität mangelt es bei Matty im Homestudio nicht, eher an der Stringenz. Also ruft er seinen Kumpel Frank Dukes an, der normalerweise mit Leuten wie Frank Ocean, Drake, The Weeknd oder Kendrick Lamar arbeitet. Zusammen finden sie einen roten Faden, der sich im Laufe des Albums aber irgendwo zwischen groß angelegten Melodiebögen, freischwebender Psychedelik und LoFi-Nostalgie verliert. Gerade deshalb ist Déjàvu aber ein extrem facettenreiches und stimmungsvolles Debüt für ein Projekt, das hoffentlich nicht als einmaliger Lückenfüller für eine persönliche Auszeit in die Annalen eingeht.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Kevin Krauter – Toss Up (2018)
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
Childhood – Universal High (2017)

Tré Burt – Caught It From The Rhye (2018)

Sacramento ist hierzulande nicht unbedingt als Hotspot der Musikszene bekannt. Tré Burt wird das auf die Schnelle zwar nicht ändern, provoziert mit seinem faszinierenden Debüt aber immerhin schon mal Vergleiche mit einer der größten Legenden in der Geschichte der Folkmusik.

Tre Burt - Caught it from the rhye (2018)
Erschienen am 9. November 
2018 auf Bandcamp

Außer einer Empfehlung von einer befreundeten Musikerin gab es nicht wirklich Promo für die erste LP von Tré Burt. Der junge Mann aus Sacramento sucht nicht unbedingt das Rampenlicht, auf Musikvideos und ein Label verzichtet er ebenso wie auf Begleitworte oder die obligatorische Selbstinszenierung in den sozialen Medien. Seine Rolle ist die des Outsiders, des einsamen Bluesmans am Scheideweg des Lebens. Und dennoch hat er nach der digitalen Veröffentlichung seines Debüts auf allen Plattformen ein Crowdfunding für ein Vinyl-Release ins Leben gerufen, dessen Unterstützung sehr zu empfehlen ist.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Das mediale Understatement steht jedenfalls in krassem Gegensatz zu Tré Burts künstlerischen Ambitionen. Offensichtlich orientiert er sich musikalisch an der ikonischen Figur des Jackson C. Frank, der in den Sechzigern mit einem einzigen fantastischen Album zur Folk-Legende wurde, bevor ihn psychische Krankheiten zu einem abrupten Karriereende zwangen. Sowohl an der Gitarre als auch auf dem Gebiet des Songwritings reichte das jedoch aus, um an der Schnittstelle zwischen Country, Folk und Blues bis heute unerreicht zu bleiben. Mit Caught It From The Rhye gelingt es Tré Burt wie bislang keinem anderen Künstler, an das Werk Franks anzuknüpfen und dabei auch noch eigene hoffnungsvolle Akzente zu setzen.

Das ganze Album auf Bandcamp:

Im gleichen Regal einsortiert:

Buck Meek: Buck Meek (2018)
Haley Heynderickx – I need to start a garden (2018)
Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Während ihrer Jugend im mittleren Westen hatte Anna St. Louis in wütenden Punkbands gespielt. Nach einem Umzug nach LA entdeckte sie aber im Umfeld des Labels Woodsist ihre Liebe zum Folk wieder.

Anna St Louis

Erschienen am 12. Oktober 2018 auf Woodsist

Schon 2015 nahm Anna St. Louis zuhause ein Demotape auf, dessen Material im Kern fast identisch mit dem nun erschienenen Debütalbum ist. Produzent Kevin Morby hat aber offensichtlich ein gutes Händchen, den Charme einer solchen Aufnahme im Kontext einer professionellen Produktion im Studio zu konservieren. Das erreicht er vor allem durch eine eiserne Disziplin bei der Aufnahmelautstärke: Häufig singt Anna St. Louis im untersten Bereich ihrer dynamischen Reichweite, aber dann muss eben einfach das Mikrofon näher ran und Nebengeräusche wie der Atem werden eingefangen wie durch einen akustischen Zoom. Wo Instrumente die Zimmerlautstärke überschreiten, scheinen sie dagegen fast im Nebenraum zu stehen. Das erzeugt Intimität und eine heimelige Atmosphäre, auch in den lauteren Nummern mit extra Gitarre und Schlagzeug.

Das Musikvideo zur Single „Understand“ auf Youtube:

Auf Albumlänge stellt sich heraus, dass Anna St. Louis mit Hits wie Understand ziemlich knauserig ist. Der in diesem Metier durchaus übliche Kracher aus der Schublade Folk-Rock ist ihre Sache nicht. Es sind eher die leisen und ganz leisen Töne, die ihre Qualitäten als Sängerin und Songwriterin sichtbar machen. Die gewohnten Fahrwasser des Indie Folk verlässt sie zugunsten minimalistischer Exkursionen in das weitestgehend unentdeckte Land zwischen Blues, Country und der traditionellen Musik nordamerikanischer Ureinwohner. Das erinnert natürlich an Buffy Sainte-Marie, die vor etwa einem halben Jahrhundert Erkundungen in die Musik ihrer Vorfahren anstellte und so zu ihrem unverkennbaren Stil fand. Soweit ist Anna St. Louis auf ihrem Debüt noch nicht, aber es ist auch deutlich mehr als nur ein vielversprechender Anfang.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Haley Heynderickx – I need to start a garden (2018)
Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen

Cordovas – That Santa Fe Channel (2018)

Ziemlich genau 15 Jahre nach seinem Solodebüt hat Joe Firstman mit Cordovas endlich die Band, von der er immer geträumt hatte. Das erste Album von Cordovas ist ein wilder Ausritt im staubigen Niemandsland zwischen The Band, The Grateful Dead und den Eagles.

Cordovas - That Santa Fee Channel (2018)

Erschienen am 10. August 2018 auf ATO

Bei den Kritikern ist das lang erwartete Debüt von Joe Firstmans neuer Band Cordovas eher durchgefallen. Meistens wurde naserümpfend angemahnt, dass hier wie in einer Stilübung an der Kunsthochschule die ikonischen Leistungen der Vergangenheit zwar handwerklich ansprechend nachgeahmt, aber keine eigenen kreativen Errungenschaften auf den Weg gebracht werden. Das ist natürlich ein berechtigter Kritikpunkt, aber dem Publikum ist das herzlich egal. Und so können Cordovas seit Monaten von einer mittelgroßen Stadt in den USA in die nächste ziehen und täglich ein ausverkauftes Haus voller frenetischer Fans abfrühstücken.

Ein Vorgeschmack zur Single „This Town’s A Drag“ auf Youtube:

Für viele ist das harsche Urteil der Kritiker vielleicht auch eher so etwas wie eine Auszeichnung. Frei nach dem Motto: Diese elitären Typen finden eine Band scheiße, die wie die Dead klingen? Gekauft! Ähnlichkeiten zu aktuellen Trends in der politischen Meinungsbildung sind rein zufällig und sicher nicht beabsichtigt. Zumindest nicht von Cordovas, die ihr ganzes Herzblut in gute Songs und eine umwerfende Performance gesteckt haben. Große Teile des Albums wurden live aufgenommen und man kann die besondere Energie dieser Momente förmlich hören. Das ist kein innovativer Quantensprung, der dem übersättigten Kritiker eine perfekte Vorlage für eine steile These gibt. Joe Firstman und seine Kumpels machen einfach die Musik, für die sie brennen. Und das ist auch gut so.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:

Marla & David Celia – Daydreamers (2018)
Michael Rault: It’s a New Day Tonight (2018)
Bonny Doon – Long Wave (2018)

P.A. Hülsenbeck – Garden Of Stone (2018)

Mit Sizarr hatte P.A. Hülsenbeck schon vor Jahren einen der seltenen Beweise erbracht, dass Indie aus deutschen Landen internationales Format erreichen kann. Nach einer Exkursion in elektronische Gefilde unter dem Projektnamen „Doomhound“ findet er sich nun selbst als Sänger und Architekt von atemberaubenden Songlandschaften zwischen Post Jazz und Pop Noir.

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Erschienen am 30. November 2018 bei Altin Villa

Der Titel Garden of Stone wirft seinen Schatten je nach Blickwinkel in sehr unterschiedliche Himmelsrichtungen. Ist damit der gleichnamige Nationalpark in Australien mit seinen bizarren Felsformationen gemeint oder der traditionelle Steingarten aus dem Zen-Buddhismus? In der südpfälzischen Heimat von P.A. Hülsenbeck versteht man darunter wahrscheinlich eher diese graue Schotterwüste, die sich Eigenheimbesitzer vor dem Haus anlegen, weil sie zu faul für die Gartenarbeit sind. Von dieser Welt ist P.A. Hülsenbeck inzwischen aber Lichtjahre entfernt: Mit Sizarr eroberte er schon in jungen Jahren die große weite Indie-Welt, mittlerweile lebt er in Leipzig, beschäftigt sich intensiv mit experimentellem Ausdruckstanz und hat nebenbei still und heimlich ein Album aufgenommen, das ihn auf einen Schlag in einen sehr exklusiven Kreis von Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum katapultiert.

Das Musikvideo zur Single „A Serpent Of Velour“ auf Youtube:

Die zahlreichen und raumgreifenden instrumentalen Intros, Zwischenspiele und Codas auf seinem Debüt täuschen mit ihren verstopften Trompeten und schwebenden Flageolettes eine Nähe zu dieser asketischen Fusion aus Jazz und Experimenteller Musik an, die das Label ECM seit ungefähr 40 Jahren als Zukunftsmusik anpreist. Dann kommt aber eine äußerst erstaunliche Stimme dazu, ein unverhoffter Groove setzt ein und plötzlich sind wir auf einer Tanzfläche, wo alle Partygäste genug Platz für Bodenarbeit und Kontakt-Improvisation haben. Irgendwo steigt Rauch auf und das Licht erlischt, die Bewegung friert ein und alle Augen richten sich auf Hülsenbeck im Spotlight, der plötzlich ein Retromikrofon küsst und dunkle Balladen haucht. Hier verschmelzen Naturerfahrungen und spirituelle Exkursionen mit dem schummrigen Licht einer verregneten Nacht in der großen Stadt, und irgendwie treffen alle Mitwirkenden immer den richtigen Ton, um reibungslos von der einen in die andere Erfahrungswelt zu gleiten. Ein Debüt mit einer assoziativen Dichte, nach der so manche etablierte Künstler ein Leben lang vergeblich suchen.

Das ganze Album auf Spotify:


Platten für danach:

Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Sea Moya – Falmenta (2018)
Jackson Macintosh – My Dark Side (2018)

Nicholas Krgovich – Ouch (2018)

Ein neues Jahr, ein neues Album von Nicholas Krgovich. Trotz der kurzen Produktionsdauer überzeugt der Kanadier mit zwölf Songs, die zwar von Trennungsschmerz inspiriert wurden, aber keineswegs schlechte Laune verbreiten.

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Erschienen am 26. Oktober 2018 auf Tin Angel

Für den Vorgänger In An Open Field schien Nicholas Krgovich direkt von einem wochenlangen Urlaub auf dem Bauernhof ins Studio gewandert zu sein. Die Songs plätscherten frisch und glasklar durch eine ländliche Idylle wie ein kleiner Bach im Frühjahr. Die Zeiten sind vorbei, der Kanadier wurde inzwischen von der Realität eingeholt und die sieht so aus: Trennung von seiner langjährigen Liebe, kein Geld und plötzlich jede Menge Einsamkeit in einem kleinen, aber fast unbezahlbaren Appartment in irgendeinem Yuppie-Viertel von Vancouver. Es gibt wahrscheinlich jede Menge Menschen, die sich aktuell in so einer zugegebenermaßen ziemlich beschissenen Situation befinden. Doch Krgovich ist vermutlich der einzige, der das ganze Schlamassel in wenigen Wochen in zwölf Portionen zerteilt und darüber jeweils einen verblüffend reflektierten Song schreibt.

Das Musikvideo zur Single „October“ auf Youtube:

Die meisten Breakup-Alben versinken bekanntlich entweder in unerträglichem Selbstmitleid oder sind vollgestopft mit intimen Details, die einen schon beim Zuhören vor Fremdscham erröten lassen. Da ist Ouch zwar textlich keine Ausnahme, doch die musikalische Gestaltung ist so herrlich unbeteiligt, dass stets eine ironische Distanz zum Geschehen gewahrt bleibt. Ein Geniestreich, denn so gelingt Krgovich nicht nur eine offensichtlich erfolgreiche psychologische Aufarbeitung seiner Situation, sondern auch ein realer Ausweg aus der Misere. Schließlich kann er jetzt erst mal auf Tour gehen, viele neue Leute kennen lernen und nebenbei noch den ein oder anderen Dollar verdienen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn diese Platte wird vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern – und zwar bei weitem nicht nur denen, die gerade eine Trennung hinter sich haben.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Madeline Kenney: Perfect Shapes (2018)
Damien Jurado – The Horizont Just Laughed (2018)
Lorain – Through Frames (2018)

Madeline Kenney: Perfect Shapes (2018)

Vor nicht mal einem Jahr erschien das erste reguläre Album von Madeline Kenney, das aus heutiger Sicht eine Art Abschluss ihres Daseins als Mitglied der experimentellen Szene von Oakland darstellt. Für die Aufnahmen zu „Perfect Shapes“ zog sie nach North Carolina, um Abstand zu gewinnen und sich in die Arbeit an Songstrukturen und Arrangements zu vertiefen.

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Erschienen am 5. Oktober 2018 bei Carpark Records

Durham, North Carolina mausert sich immer mehr zur heimlichen Musikmetropole. Mit Merge Records ist ein Indie-Schwergewicht schon lange in der mittelgroßen Stadt nahe der renommierten Duke University zuhause. Nachdem ihr von Toro Y Moi produziertes Debüt floppte, ist Madeline Kenney vor kurzem aus Oakland zugezogen, um mit Jenn Wasner von Wye Oak im Studio von Sylvan Esso ihre Platte aufzunehmen. Ein Name-Dropping, das zahlreichen eingefleischten Indie-Nerds heiße Ohren bereiten dürfte.

Das Musikvideo zur Single „Overhead“ auf Youtube:

Musikalisch betritt Madeline Kenney auf Perfect Shapes ein Terrain, das von ihren neuen Freunden in Durham zuletzt schon ausgiebig erkundet wurde. Das Konzept, verträumten Gitarrenpop mit programmierten Drums und sanft blubbernden Flächen zu unterlegen ist zwar an sich nicht besonders innovativ. Allerdings hat die Produzentin Jess Wasner mit Wye Oak und ihrem Soloprojekt A Flock Of Dimes schon bewiesen, dass solche Arrangements bei songorientierter Anwendung genauso lebendig und dynamisch klingen können wie eine gut eingespielte Band.

Das Musikvideo zur Single „Cut Me Off“ auf Youtube:


Bemerkenswert ist deshalb auch, dass sich elektronische Beats und Schlagzeug beziehungsweise Gitarrenakkorde und Synthies so flüssig abwechseln, dass der Übergang gar nicht wirklich auffällt. Das liegt an der extrem geschmeidigen Produktion, vor allem aber auch an Madeline Kenney. Ihre Songs sind allesamt erste Wahl und verstehen es, dem instrumentalen Geschehen die Rolle einer akustischen Filmkulisse zuzuweisen. Das wird am deutlichsten im letzten Song „Always Around Me“, der nicht nur eine unwiderstehliche Melodieführung zu bieten hat, sondern eben auch eine enorme Dichte an Details. Diese gibt es zwar überall auf der Platte, sie ist jedoch beim ersten Durchgang aufgrund des etwas unübersichtlichen Geschehens erst beim seelenruhigen Finale hörbar. Nach diesem Schlüsselerlebnis fällt es deutlich leichter, die fantastische Tiefe dieses zunächst vielleicht etwas unscheinbaren Albums zu entdecken.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Platten:
Nedelle Torrisi: Advice from Paradise (2015)
Art Feynman: Blast Off Through The Wicker (2017)
Amber Coffman: City of No Reply (2017)