The Paper Kites – On the train ride home

Ohne Vorankündigung haben The Paper Kites ihr drittes Album auf eigene Faust veröffentlicht. Was auf den ersten wie eine große Dummheit erscheint, ist in Wirklichkeit aber ein wohlüberlegter Marketing-Gag.

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18.4.2018 / No label

Mit Twelvefour trafen The Paper Kites 2015 den Nerv der Zeit: Immer Nachts zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens hatten sie zehn wirklich gute Songs eingespielt, die auf dem schmalen Grat zwischen dem nokturnen Charme einer Metropole und zeitlosem Folk-Rock balancieren. Rasch wuchs eine internationale Fangemeinde heran, die spätestens ab 2017 lautstark nach einem neuen Album verlangte. Nun erscheint mit On the train ride home völlig überraschend ein Mini-Album, das mit nur acht kurzen Songs und einer minimalistischen Besetzung auf den ersten Blick eher wie ein Skizzenbuch von Frontmann Sam Bentley wirkt.

Doch wie schon zu erwarten war, ist das nicht alles: Die Veröffentlichung ist in Wirklichkeit nur ein Teaser für die eigentliche dritte Platte “On The Corner Where You Live”, die gleichzeitig für August angekündigt wurde. Für einen reinen Marketing-Gag sind die Songs aber erneut extrem ausgereift und würden in einem anderen Kontext trotz des fehlenden Bandsounds problemlos als reguläres Album durchgehen. Man darf hoffen, dass The Paper Kites ihrer grenzenlosen Melancholie in Zukunft auch wieder etwas Zuversicht beimischen. Denn mit “On the train ride home” liefern sie zwar den perfekten Soundtrack für eine nächtliche Zugfahrt ab, allerdings muss man höllisch aufpassen, nicht wegzudämmern und die richtige Haltestelle zu verpassen.

Außerdem vielleicht interessant:
Haley Heynderickx – I need to start a garden: Folksongs von einem anderen Stern
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
Aldous Harding – Party (2017)

Rettet das Echo!

Alle schreiben über den Echo. Hier soll es ausnahmsweise in erster Linie um DAS Echo gehen, einen musikalisch reizvollen und gesellschaftlich notwendigen Effekt, der zumeist nach geräuschvollen Ereignissen wahrzunehmen ist.

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“Wie man in den Wald hineinschreit, so schallt es heraus” sagt der Volksmund und meint, dass alle Verfehlungen den Verantwortlichen irgendwann auf die Füße fallen. Der vermeintlich wichtigste deutsche Musikpreis trägt also einen Namen, der an poetischer Wahrheit kaum zu überbieten ist. Das Echo zum Echo zeigt nämlich auf, was in unserer Gesellschaft so alles erfolgreich resoniert. Das ist einerseits erschreckend, andererseits auch hochinteressant.

Die eigentliche Fehlkonstruktion besteht darin, dass der Echo alles auszeichnet, was da so resoniert. Das ist zum einen ungerecht, denn die Ausgezeichneten haben schon alles, wovon die meisten Musikschaffenden nur träumen können: Ein geregeltes Einkommen durch kommerziellen Erfolg. Zum anderen ist es schwachsinnig, denn die kommerziell erfolgreichsten Werke sind ja nicht automatisch die besten. Vor allem aber ist es traurig zu sehen, welche Musik am beliebtesten ist.

Es ist völlig falsch, die Integrität von in der Vergangenheit ausgezeichneten Personen jetzt danach zu beurteilen, ob sie nun medienwirksam ihre Echos zurückgeben oder nicht. Man sollte sie vielmehr fragen, warum sie es nötig hatten, das Ding überhaupt erst anzunehmen. War es jemals eine künstlerisch wertvolle Auszeichnung, den gleichen Preis zu bekommen wie die ganzen Arschlöcher, die dem Volk ihren akustischen Sondermüll andrehen?

Die hat es nämlich schon immer gegegeben und nicht wenige von ihnen hätten auch antisemitische Sprüche geklopft, wenn so etwas als ertragreiches Geschäftsmodell darstellbar gewesen wäre. Früher hätte der Handel den Schrott aus dem Regal nehmen müssen, die Aufmerksamkeitsblase durch den medialen Aufschrei wäre ohne Cashout zerplatzt. Doch heute wird Musik vorrangig über anonyme Plattformen wie Amazon, Spotify und Apple Music vertrieben, die sich einen Dreck um die Kritik scheren.

Wir brauchen heute mehr denn je ein Echo für die Musikindustrie in Deutschland, aber es muss ein differenziertes und wenn nötig auch ein vernichtendes Echo sein. Wir brauchen eine bis zum Anschlag beworbene Fernsehshow zur Primetime, in der Musikschaffende und kritische Medien einen rituellen Gesamtveriss dessen abhält, was kommerziell erfolgreich ist. Wir brauchen eine kathartische Zeremonie, die durch die Brutalität ihrer Kritik die monströsen Auswüchse des Battle-Raps als spätpubertäre Provokationen entlarvt.

Setzt die besten und streitbarsten Promis in die Jury, die es gibt: Emcke, von Rönne, Böhmermann, Polak, Westernhagen, wenn es sein muss auch Campino und vielleicht sogar Dieter Bohlen. Beschallt sie ein Wochenende lang mit der kommerziell erfolgreichsten Musik und lasst sie dann auf einem Podium darüber herfallen. Live vor der Kamera, vor einem Millionenpublikum im Fernsehen und online. Das wäre eine Echo-Verleihung, die den Namen verdient.

L.A. Salami – The City of Bootmakers

Nach seinem sehr guten Debüt “Dancing with bad grammar” wurde L.A. Salami von der traditionell hysterischen Musikpresse Englands teilweise als neuer Bob Dylan gefeiert. Mit seinem neuen Album zeigt der Londoner, dass dieser Vergleich in mancher Hinsicht auch weiterhin gar nicht so falsch ist.

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13.4.2018 / Sunday Best

Wahrscheinlich haben die meisten Singer/Songwriter irgendwann eine Phase, in der sie dem großen Bob Dylan in der einen oder anderen Hinsicht nacheifern. Im Fall von L.A. Salamis Debütalbum waren es zum einen die surrealistisch angehauchten Geschichten voller schräger Charaktere, zum anderen der recht ungebremste Redefluss über eine energisch schrammelnde Westerngitarre, die einige Kritiker zu diesem eigentlich verbotenen Vergleich verführten. Schon die erste Single “Jean is gone” lässt aber vermuten, dass auf “The City of Bootmakers” die Textmenge zugunsten einer höheren Griffigkeit der Songs erheblich verringert wird und der groovende Bandsound eine größere Rolle spielt.

Insgesamt wird auf Albumlänge die Gitarre häufiger eingestöpselt als zuvor, es wird deutlich mehr gerockt und die Songs haben stärkere Refrains abbekommen. Das ist fast durchweg eine positive Entwicklung, denn die Reduzierung aufs Wesentliche geht selten auf Kosten des Charakters und den stilistischen Besonderheiten der Musik von L.A. Salami. Im Gegenteil, er erzählt weiterhin großartige Storys aus den Straßen, Hinterhöfen und Künstlerwohnungen Londons, die aufgrund der übersichtlicheren musikalischeren Inszenierung noch plastischer hervortreten als zuvor. Und da Dylan in seiner zweiten Schaffensphase als Rockmusiker eine ähnliche Entwicklung durchgemacht hat, gibt es durchaus wieder einen Vergleichspunkt. Gleichzeitig wird deutlich, dass man L.A. Salami mit der Fokussierung auf die dylaneske Komponente keineswegs gerecht wird. Hier reift ein selbstbewusster Künstler heran, der schon ganz am Anfang seiner Karriere eigene Fußstapfen hinterlässt und keineswegs nur in den – zweifellos viel zu großen – Spuren des Literaturnobelpreisträgers wandelt.

Hier noch ein paar andere Platten mit ähnlicher Atmosphäre:
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
John Andrews & The Yawns – Bad Posture (2017)

Bonny Doon – Long Wave

Bonny Doon haben es nicht eilig: Die wundervoll vor sich hin schlurfenden Songs auf ihrem zweiten Album entstanden bereits vor zwei Jahren. Jetzt kommt das Material endlich heraus und beweist, dass die Jungs aus Michigan ein Händchen für großartige Roadtrip-Musik haben.

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Release: 23. März 2018 / Woodsist

Wenn es um Musik in Michigan geht, denken viele erst mal an die Rapszene von Detroit. Dabei gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Bands, die ausgehend von kleineren Städten wie Benton Harbor zumindest im Rest der USA für Aufmerksamkeit sorgen. Eine davon ist Bonny Doon, die vor gerade ein mal einem Jahr mit einem nicht uninteressanten, aber etwas unfertigen Debüt-Album um die Ecke kam. Das Label Woodsist hat das außergewöhnliche Talent der Jungs anscheinend sofort erkannt und gehörig auf die Tube gedrückt, um die zweite Platte möglichst schnell hinterher zu schieben.

Schon nach den ersten Takten von Long Wave ist aber klar, dass die Band es überhaupt nicht eilig hat, schon gar nicht musikalisch betrachtet. Kein Wunder, denn die Songs entstanden bei einem total entspannten Bandurlaub am wunderschönen Mystic Lake. Das war bereits 2016, seither lag das Material auf Eis und wartete geduldig auf seine Veröffentlichung. Schade eigentlich, denn seither mussten schon eine ganze Menge Roadtrips ohne die perfekte musikalische Untermalung überstanden werden. Denn was hier auf Albumlänge in aller Ruhe ausgefahren wird, eignet sich wie kaum etwas anderes für eine ausgiebige Runde Halbschlaf auf dem Beifahrersitz. Und diese Qualität ist kein Zufall: Die durchaus lebendige Konversation zwischen den Gitarren verläuft in raumgreifenden Wiederholungszaklen und wird fast überall durch eine subtile Orgel oder ein leise singendes Pedal Steel grundiert, womit das Geschehen wie durch einen Sepiafilter verschleiert wird. Ein extrem kohärentes und stimmungsvolles Album, das am Ende mit der fragmentarischen Schlussnummer Walkdown förmlich in seine Einzelteile zerfällt.

Vielleicht auch interessant:
Dick Stusso – In Heaven
Robert Earl Thomas – Another Age: So geht Soloalbum
Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum

Jackson Macintosh – My Dark Side

Als Bassist von Tops, Sänger von Sheer Agony und Produzent von Homeshake hat sich Jackson Macintosh schon weit über seine Heimatstadt Montreal hinaus einen Namen in der Indieszene gemacht. Die Qualität des ersten Soloalbums unter eigenem Namen legt nahe, dass sein kreativer Input bei seinen bisherigen Projekten und Kollaborationen wohl deutlich höher war als bislang angenommen.

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Release: 2. März 2018 / Sinderlyn

Wer Bass spielt, steht oft im Hintergrund. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch musikalisch und in der Wahrnehmung des Publikums. Dabei müsste spätestens seit Paul McCartney, Roger Waters und Sting klar sein, dass am Bass oft die Weichen gestellt werden für große Popmusik. Wer sich genauer mit den Bassläufen von Jackson McIntosh bei Tops beschäftigt, wird schnell feststellen, dass der Multi-Instrumentalist entscheidend zum unwiderstehlich schwerelosen Groove der Band beiträgt. Zum einen durch das Weglassen von genau den Tönen, die man nach Ansicht der Lehrkräfte für Bass an der örtlichen Musikschule unbedingt betonen muss. Zum anderen durch das Vermeiden und Umspielen von Grundtönen, die normalerweise eine Harmonie eindeutig befestigen würden.

Und auch auf der ersten Soloplatte unter eigenem Namen spielt der Bass eine entscheidende Rolle. In den Strophen der ersten Single “Lulu” spielt er ohne Rücksicht auf den Rest des Geschehens seinen Stiefel herunter und sorgt so für eine reizvolle harmonische Spannung. Im Refrain übernimmt der Basslauf dann die Führung und gibt den anderen Instrumenten die Akkorde eindeutig vor. Im weiteren Verlauf der Platte lassen sich immer wieder solche Beobachtungen machen, allerdings rückt die vorzügliche Qualität des Songwritings und das delikate Arrangement immer weiter in den Vordergrund. Stilistisch bewegt sich alles mühelos zwischen eingängigem Soft Rock, psychedelischen Exkursen und elegantem Post-Punk. Kurz: Wer auf den spannenden Umbruch in der Popmusik zwischen den 70s und 80s steht, findet hier ein hervorragendes Album, dass sich an der für die Entstehung des heutigen Indie Pop entscheidenden Nahtstelle entlang in ungeahnte Tiefen vordringt. Ein rundum gelungenes Debüt, das auch das bisherige Wirken von Jackson MacIntosh als Bandmitglied und Produzent in einem neuen, deutlich helleren Licht erscheinen lässt.

Wer diese Platte als musikalische Untermalung einer Oolong-Verkostung zu schätzen wusste, wird vielleicht eines Tages zu den folgenden Alben eine Partie Canasta spielen:
Bunny – Bunny
Childhood – Universal High (2017)
Devon Sproule – The Gold String (2017)

Dick Stusso – In Heaven

I accidentaly bumped into this one online and now the same thing happened to you.

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Release info: March 2, 2018 / Hardly Art Records

Dick Stusso plays the guitar like Stephen Malkmus, sings like David Bowie and writes songs like the evil brother of Mac DeMarco. He recorded his first album with a 4-Track recorder in 2015 and it was pretty good. The new one is even better, so I think he probably used at least an 8-Track device.

Hey Dick, if you read this: Let’s crack some cans one day!

Songs like “Modern Music” are really hard to describe even for carefree wannabe music journalists like me. Some call it garage folk, some call it psychedelic blues rock. I call it damn fine music that leaves you craving for more. More Dick Stusso tunes and more nights like the one when you ended up skinny-dipping with a whiskey bottle in your hand.

If you like Dick’s music, go ahead and check out Michael Nau – Some TwistCourtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice and the other stuff on this website. I encourage everybody to buy records directly from the artist, preferably at their next concert. In the meantime, it doesn’t hurt to use this ugly preview player:

Haley Heynderickx – I need to start a garden: Folksongs von einem anderen Stern

Haley Heynderickx aus Portland blickt mit den fragilen Preziosen auf ihrem Debüt zwar ganz tief in ihr Innenleben, die überragende Performance katapultiert sie aber auf Anhieb in die höchsten Sphären des Folk-Universums.

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2.3.2018 / Mama Bird Recording Company

Introvertierte Folkplatten schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Denn erstens sprechen diese der Generation “Neo-Biedermeier” aus dem Herzen, die stets auf der Suche nach dem passenden Soundtrack für das Cocooning-Wochenende in der Altbauwohnung mit “schön Kochen” und “gemütlich Lesen” ist. Zweitens ist die Studioproduktion günstig, die Kosten für die Tour sind überschaubar und die Chancen auf ein Listing in erfolgsversprechenden Playlists wie “Kaffeehausmusik” stehen gut. Das Revival der Singer/Songwriter entlarvt also vor allem das gegenwärtige Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, sowohl bei den Konsumenten als auch auf Seiten der Musikindustrie. Tatsächlich haben jedoch die wenigsten Beiträge zu dieser Welle genügend Substanz, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Das gelingt Haley Heynderickx vor allem dadurch, dass sie die Grenzen des Genres immer wieder herausfordert, überwindet und schließlich stilistisch weit darüber hinauswächst.

Dabei hat diese Musik so gar nichts rebellisches, aufständisches, sie fließt eher gleichmäßig und natürlich vor sich hin wie ein klarer Bach in den Bergen. Diese phlegmatische Distanz könnte darauf zurückzuführen sein, dass Haley Heynderickx  bereits drei mal an der Produktion ihres ersten Albums scheiterte und immer wieder bei Null anfangen musste. Umso erstaunlicher ist deshalb die expressiven Qualität ihrer Performance, die in keinem Moment die Spannung verliert. Haley Heynderickx deutet an, dass sie eines Tages zu den ganz Großen der Folkmusik stoßen könnte und schenkt uns ein nicht nur eine großartige Platte zum Zuhören und Durchatmen, sondern auch eines der beeindruckendsten und charakterstärksten Debüts der letzten Monate.

Wer bei diesem Album vom nächsten Wanderurlaub träumt, trinkt den Filterkaffee am morgen vielleicht auch gerne zu diesen Platten:
Bedouine – Bedouine (2017)
Tara Jane O’Neil – Tara Jane O’Neil (2017)
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen