Sacred Paws – Strike a match (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Rock Action
Klingt fast ein bisschen wie: tUnE-yArDs, Vampire Weekend, Hot Club de Paris
Passt gut zu: Fahrradfahren, Urlaub, Wassereis

Die zwei Mädels von Sacred Paws haben eine rührende Bandgeschichte: Nachdem sich ihre gemeinsame Band Golden Grrrls aufgelöst hatte, verschlug es Einidh von London nach Glasgow. Um sich nicht aus den Augen zu verlieren, verabredeten sie sich regelmäßig zu gemeinsamen Jams, aus denen dann das neue Projekt Sacred Paws hervorgegangen ist. 

Die besondere Harmonie und Spannung zwischen den beiden hört man auf ihrem ersten Album nicht nur in den verspielten Gitarrendialogen, sondern auch in dem sehr lebendig umeinander kreisenden zweistimmigen Gesang ist und der gemeinsam erzeugten  Polyrhythmik. Das klingt bewusst alles ein bisschen nach Afrika und passt wunderbar zu der Freundschaftsthematik, die übrigens auch in den Texten Ausdruck findet. Wer ausnahmsweise mal erfrischenden Gitarrenpop ganz ohne lästige Lovesongs hören will, ist hier jedenfalls verdammt gut bedient.

Julie Byrne – Not even Happiness (2017)

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VÖ: 13.1.2017 auf Ba Da Bing
Klingt fast ein bisschen wie: Joni Mitchell, Jessica Pratt, Joan Shelley
Passt gut zu: Morgensonne, Auenland, Frühstückstisch

Auf ihrem ersten offiziellen Album zeigt Julie Byrne, dass sie nicht nur eine begnadete Gitarristin und Sängerin ist, sondern auch eine der vielversprechendsten Songschmiedinnen in ihrem Alter. Man sollte sich nicht von dem auf den ersten Blick fast zu ungetrübten Wohlklang täuschen lassen, denn zwischen ihren sanft gehauchten Zeilen und schwebend gezupften Akkorden lauern auch immer wieder Untiefen. Und obwohl Julie klar erkennbar verwurzelt ist in der amerikanischen Folktradition, klingt sie nie altmodisch oder reaktionär. Wer mal wieder Lust hat auf eine tiefenentspannte Platte, die fast komplett ohne Schlagzeug auskommt, ist hier goldrichtig.

Fancey – Love Mirage (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Stoner Disco
Klingt fast ein bisschen wie: Pablo Cruise, Hall & Oates, Bee Gees
Passt gut zu: Feierabend, Stau auf der A656, Grape Soda

Todd Fancey, bisher vor allem bekannt als Gitarrist von The New Pornographers, nimmt sich selbst offenbar nicht allzu ernst. Seine Musik ist so überzuckert mit Falsett-Chören, Streichern und Bläsersätzen, dass diese Hommage an die goldenen Zeiten des FM Pop über weite Strecken fast wie eine Parodie wirkt. Alles klingt irgendwie bekannt und vertraut, so als hätte man die Songs als Kind ab und zu im Autoradio gehört und irgendwann vergessen. Spätestens, wenn die unvermeidliche Melodica zu einem ihrer zahlreichen Zwischenspiele ansetzt, fühlt man sich in den Vorspann der nächstbesten amerikanischen Familienserie versetzt. Das könnte alles auch ziemlich nervig sein, aber dank der abwechslungsreichen und handwerklich extrem guten Songs geht es irgendwie gut. Eine Platte, die im richtigen Moment extrem flüssig durchläuft und einfach nur Spaß macht.

Sampha – Process (2017)

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VÖ: 2.2.2017 auf Young Turks
Klingt fast ein bisschen wie: Chet Faker, Jamie Woon, James Blake
Passt gut zu: Vollmondnacht, Schlaflosigkeit, Bitterschokolade

Samphas Debüt ist bis jetzt der heißeste Kandidat für das Album des Jahres 2017. Das ist gar nicht unbedingt als Qualitätsurteil gemeint, sondern als Hinweis auf den überraschenden Hype um ein Stück Musik, das aufgrund seiner grenzenlosen Düsternis und Intimität emotional nicht einfach zu ertragen ist. Sampha lässt uns nicht einfach nur nahe heran an seine Beklommenheit im Angesicht der feindlichen Außenwelt, seine hypnotische Stimme hält uns ganz fest und zwingt uns zur Konfrontation mit seinem Innersten.

Mit seinem Bekenntnis zur Verzweiflung trifft er einen Nerv dieser Zeit, in der viele junge Menschen aufgerieben werden zwischen ihrer inneren Unruhe und den Erwartungen, die von außen auf sie einprasseln. Der reflexhafte Rückzug ins Private entwickelt sich bei vielen leider zu einer selbstgewählten Gefangenschaft in den eigenen vier Wänden. Der Teufelskreis aus Prokrastination, Verdrängung und Einsamkeit entwickelt einen Sog, der in seiner harmlosen Form mit dem überschaubaren Ausmaß von einigen Stunden, Tagen oder Wochen fast jedem bekannt sein dürfte. Bei Sampha war es ein jahrelanger Kampf mit sich selbst, der ihn unter anderem von der Veröffentlichung seines ersten Albums trennte. Auf Process, wie das Debüt schlicht und vielsagend betitelt wurde, erzählt er uns aber nicht nur von den Schattenseiten dieser Jahre, sondern lässt uns auch die Aufarbeitung miterleben und zeigt womöglich sogar den Ausweg durch Selbstüberwindung.

Der musikalische Rahmen dieser Auseinandersetzung ist die Ästhetik der Bedroom-Produzenten, deren implizite Bedeutung Sampha gewissermaßen beim Wort nimmt. Denn während die faszinierenden elektronischen Klänge anderswo oft in gehöriger Distanz an unseren Ohren vorbeiplätschern, erscheinen sie hier zum Greifen nah, erschreckend lebendig, undurchdringlich dicht und manchmal meterhoch aufgetürmt. So entsteht eine bedrückend enge Kulisse für einen gesungenen Monolog, der virtuos mit Klangfarben und Tonlagen spielt. Doch in der Stimme liegt auch eine Brüchigkeit, die oft einen kurz bevorstehenden Ausbruch von Tränen oder manchmal auch Wut befürchten lässt. Dass die Spannung sich musikalisch niemals entlädt oder auflöst, sondern immer nur langsam hoch- und runterschraubt, illustriert einerseits die fatale Endlosschleife im Kopf und schafft andererseits unglaublich viel Raum, in dem die bittersüßen Songfragmente freischwebend entstehen und vergehen können.

Nachdem ich das Album ungefähr drei mal in Folge staunend angehört hatte, war ich hin- und hergerissen zwischen stiller Freude über die bizarre Schönheit der Musik und Bestürzung über die abgrundtiefe Traurigkeit, die aus ihr spricht. Und auch mit ein paar Tagen Abstand ist mir im Moment nicht unbedingt danach, mich der ganzen Sache so bald erneut auszusetzen, darauf warte ich lieber ein paar Wochen oder sogar Monate. Bis dahin wird man vielleicht auch ein Gefühl dafür bekommen, ob Process “nur” ein geniales Schlaglicht auf die neue Innerlichkeit unserer Zeit ist oder gar die Geburtsstunde einer neuen Musikrichtung. In jedem Fall ist dieses Album einer der bisher gelungensten Entwürfe, die Ausdrucksziele von avancierter Popmusik mit der Funktionsweise von elektronischer Musik in einer bedeutsamen Form zusammenzubringen.

Ten Fé – Hit the light (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Some Kinda Love
Klingt fast ein bisschen wie: Future Islands, The Cure, The War on Drugs
Passt gut zu: Autobahn, Sonnenbrille, Coladose

Das lange erwartete Debüt-Album des britischen Duos Ten Fé ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Es ist nicht leicht, das Feeling von klassischer Rockmusik mit einer dezidierten Synthiepop-Ästhetik zu verbinden, deshalb lohnt es sich auf jeden Fall, ein bisschen genauer hinzuhören. Einerseits ist die Platte insgesamt eine verdammt solide Angelegenheit und beeindruckt mit einer dichten Atmosphäre, viel Liebe zum Detail und vielen guten Songs. Andererseits fällt es im Vergleich zu den großen Vorbildern, denen hier ziemlich offensichtlich nachgeeifert wird, erwartungsgemäß ein bisschen ab. Unterm Strich finde ich das Ganze aber durchaus empfehlenswert, auch weil die Jungs das Schicksal vieler wirklich guter Musiker teilen und zu Unrecht ein bisschen durch das Raster fallen. Für wirklich ambitionierte Musikhörer, die sich unter einem Album ein Gesamtkunstwerk mit musikalischem, textlichem und konzeptionellem Mehrwert vorstellen, ist es einfach ein bisschen zu flach und kitschig. Dagegen vermisst der Ottonormalverbraucher wahrscheinlich sowohl die Hits als auch die Leichtigkeit. Wer aber wie ich manchmal anspruchsvolle, aber leicht zugängliche Musik einfach laufen lassen will und offen ist für ein gleichberechtigtes Miteinander von Gitarren und Keyboards, findet hier eine potentielle Lieblingsplatte.

Entrance – Book of Changes (2017)

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VÖ: 24.2.2017 auf Thrill Jockey
Klingt fast ein bisschen wie: Nick Cave, Leonard Cohen, Ryley Walker
Passt gut zu: Sonntagabend, Schaukelstuhl, Rotwein

Guy Blakeslee war schon immer der uneingeschränkte Kopf von The Entrance Band. Im vergangenen Jahr trennte er sich von seinen langjährigen Mitstreitern, um als Entrance sein ganz eigenes Ding zu machen. Konsequent, dass er auch die ziemlich rockige Herangehensweise der Band hinter sich gelassen hat und ab sofort als Singer/Songwriter agiert. Während seine enorme Kreativität bisher ein bisschen im Geschrammel unterging, kommt nun seine Gabe als Geschichtenerzähler und Barde voll zur Geltung. Book of Changes ist sicher nicht das originellste Album aller Zeiten, denn auch der Rückgriff auf die aufwändigen Arrangements aus der goldenen Zeit des Songwriter-Pops ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Aber es ist ein sehr gutes Exemplar einer Gattung, von der es eigentlich gar nicht genug geben kann.

Dirty Projectors – Dirty Projectors (2017)

VÖ: 24.2.2017 auf Domino
Klingt fast ein bisschen wie: Bon Iver, James Blake, Jamie Woon
Passt gut zu: Kopfhörern, ÖPNV, Aufbruchsstimmung

Fast ein Jahrzehnt lang funktionierte das Paar Amber Coffman und David Longstreth als Dirty Projectors wie ein gut eingespieltes Team. Der privaten Trennung folgte nun die berufliche, denn ab sofort trägt David die Bürde dieses Namens alleine mit sich herum. Dass ausgerechnet das unvermeidliche Breakup-Album selbstbetitelt wurde, eröffnet vorsichtig ausgedrückt ziemlich viel Spielraum für Spekulationen über ein nicht allzu freundschaftliches Ende der Zusammenarbeit.

Das Wesentliche ist aber immer noch, was die Musik sagt. Und da lässt David durchblicken, für welche Aspekte des vielschichtigen Bandschaffens er in der gemeinsamen Zeit wohl verantwortlich war. Denn so wie das epochale Album Bitte Orca (2009) vielen Bands eine ganze Palette von Wegen zeigte, die experimentellen Errungenschaften der 00er Jahre wieder in den Dienst der Songs zu stellen, so werden hier in neun Tracks neun Türen in die andere Richtung aufgemacht. Die typischen akustischen Klänge sucht man ebenso wie Refrains weitgehend vergeblich, dafür glänzt das Album mit kompositorisch-konzeptioneller Arbeit vom Feinsten und akribischen Studiobasteleien aus der digitalen Spielecke.

So richtig Bescheid über die Rollenverteilung bei den früheren Alben der Dirty Projectors wissen wir natürlich erst, wenn Amber auch mit eigener Musik um die Ecke kommt, so wie man anhand der Soloplatten von McCartney, Lennon und Harrison eine ganze Menge über die Arbeitsweise der Beatles erfahren konnte. Bis dahin hat David sein anspruchsvolles Publikum aber ganz gut mit Herausforderungen versorgt.