Sampha – Process (2017)

sampha-process

VÖ: 2.2.2017 auf Young Turks
Klingt fast ein bisschen wie: Chet Faker, Jamie Woon, James Blake
Passt gut zu: Vollmondnacht, Schlaflosigkeit, Bitterschokolade

Samphas Debüt ist bis jetzt der heißeste Kandidat für das Album des Jahres 2017. Das ist gar nicht unbedingt als Qualitätsurteil gemeint, sondern als Hinweis auf den überraschenden Hype um ein Stück Musik, das aufgrund seiner grenzenlosen Düsternis und Intimität emotional nicht einfach zu ertragen ist. Sampha lässt uns nicht einfach nur nahe heran an seine Beklommenheit im Angesicht der feindlichen Außenwelt, seine hypnotische Stimme hält uns ganz fest und zwingt uns zur Konfrontation mit seinem Innersten.

Mit seinem Bekenntnis zur Verzweiflung trifft er einen Nerv dieser Zeit, in der viele junge Menschen aufgerieben werden zwischen ihrer inneren Unruhe und den Erwartungen, die von außen auf sie einprasseln. Der reflexhafte Rückzug ins Private entwickelt sich bei vielen leider zu einer selbstgewählten Gefangenschaft in den eigenen vier Wänden. Der Teufelskreis aus Prokrastination, Verdrängung und Einsamkeit entwickelt einen Sog, der in seiner harmlosen Form mit dem überschaubaren Ausmaß von einigen Stunden, Tagen oder Wochen fast jedem bekannt sein dürfte. Bei Sampha war es ein jahrelanger Kampf mit sich selbst, der ihn unter anderem von der Veröffentlichung seines ersten Albums trennte. Auf Process, wie das Debüt schlicht und vielsagend betitelt wurde, erzählt er uns aber nicht nur von den Schattenseiten dieser Jahre, sondern lässt uns auch die Aufarbeitung miterleben und zeigt womöglich sogar den Ausweg durch Selbstüberwindung.

Der musikalische Rahmen dieser Auseinandersetzung ist die Ästhetik der Bedroom-Produzenten, deren implizite Bedeutung Sampha gewissermaßen beim Wort nimmt. Denn während die faszinierenden elektronischen Klänge anderswo oft in gehöriger Distanz an unseren Ohren vorbeiplätschern, erscheinen sie hier zum Greifen nah, erschreckend lebendig, undurchdringlich dicht und manchmal meterhoch aufgetürmt. So entsteht eine bedrückend enge Kulisse für einen gesungenen Monolog, der virtuos mit Klangfarben und Tonlagen spielt. Doch in der Stimme liegt auch eine Brüchigkeit, die oft einen kurz bevorstehenden Ausbruch von Tränen oder manchmal auch Wut befürchten lässt. Dass die Spannung sich musikalisch niemals entlädt oder auflöst, sondern immer nur langsam hoch- und runterschraubt, illustriert einerseits die fatale Endlosschleife im Kopf und schafft andererseits unglaublich viel Raum, in dem die bittersüßen Songfragmente freischwebend entstehen und vergehen können.

Nachdem ich das Album ungefähr drei mal in Folge staunend angehört hatte, war ich hin- und hergerissen zwischen stiller Freude über die bizarre Schönheit der Musik und Bestürzung über die abgrundtiefe Traurigkeit, die aus ihr spricht. Und auch mit ein paar Tagen Abstand ist mir im Moment nicht unbedingt danach, mich der ganzen Sache so bald erneut auszusetzen, darauf warte ich lieber ein paar Wochen oder sogar Monate. Bis dahin wird man vielleicht auch ein Gefühl dafür bekommen, ob Process “nur” ein geniales Schlaglicht auf die neue Innerlichkeit unserer Zeit ist oder gar die Geburtsstunde einer neuen Musikrichtung. In jedem Fall ist dieses Album einer der bisher gelungensten Entwürfe, die Ausdrucksziele von avancierter Popmusik mit der Funktionsweise von elektronischer Musik in einer bedeutsamen Form zusammenzubringen.

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