Tennis – Yours Conditionally (2017)

Tennis

VÖ: 10.3.2017 auf Mutually Detrimental
Klingt fast ein bisschen wie: TOPS, Stevie Nicks, Minnie Ripperton
Passt gut zu: Familienausflug im Frühling oder Kopfhörersession bei Nacht

Um es gleich vorweg zu nehmen: In den letzten Jahren sind wenige Alben erschienen, die Eingängigkeit und Ideenreichtum so elegant und mühelos unter einen Hut bekommen. Jeder Song ist ein Ohrwurm erster Klasse und gleichzeitig nie vorhersehbar, sondern voller interessanter Umwege. Das Ganze eignet sich wunderbar als Begleitmusik für alles Mögliche und erscheint so ziemlich jedem Hörer unmittelbar zugänglich. Ich habe das Album zum Beispiel auf einer Autofahrt mit meinen Eltern (beide deutlich über 60) angemacht und das war so ziemlich das erste Mal, dass sie nicht gegen meine Selection protestiert haben. Ich meine sogar gesehen zu haben, wie mein Vater mit geschlossenen Augen anerkennend im Takt nickte, als er sich unbeobachtet fühlte.

Die allgemeine Akzeptanz dieser Art von Musik ist natürlich kein Zufall. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass auf den Radiosendern mit den höchsten Einschaltquoten keineswegs der Loudness War der heutigen Zeit ausgefochten wird, sondern eher die Fortsetzung des Smoothness Wars, der in den goldenen 70ern von Bands wie Fleetwood Mac erklärt wurde. Während der Sound von heute immer extremer wird, damit er sich gegen die Musik der anderen Computerboxen im Großraumbüro durchsetzen kann, musste das damalige Leitmedium Autoradio nur gegen das Motorengeräusch ankommen. Die Refrains mussten sich hinsichtlich der Catchiness nicht gegen tausende Veröffentlichungen im Internet durchsetzen, sondern nur gegen ein paar hundert andere Rotationskandidaten, was natürlich eine um ein vielfaches längere Halbwertszeit ermöglicht, die oft bis heute anhält. So konnte sich eine Strategie der goldenen Mitte entwickeln, die Funktionalität und kreativen Freiraum optimal dosiert.

Tennis haben sich auf ihren ersten beiden Alben dieser Radioformel bereits angenähert, aber auf dem neuen Album Yours Conditionally wurde sie perfektioniert. So etwas ist in der heutigen Zeit natürlich nicht nur reine Nostalgie, sondern immer auch ein popkulturelles Statement. Dass hinter der blitzblanken Soft-Rock-Fassade aber viel mehr steckt als Retromanie, wird spätestens deutlich, wenn man sich dieses Album in optimaler Auflösung und mit guten Kopfhörern anhört. Denn unter der Oberfläche schlummern unglaublich viele Kleinigkeiten, die im Auto oder in einer Stadtwohnung von Nebengeräuschen und Kompressionseffekten verschluckt werden. Das ist übrigens auch bei Rumours von Fleetwood Mac ein überraschendes Erlebnis und ein Grund, warum es sich dabei nicht nur um eins der meistverkauften, sondern auch um eins der besten Alben aller Zeiten handelt. So etwas ist natürlich zu hoch gegriffen für Tennis, aber die ein oder andere höhere Platzierung in den beliebten Jahresbestenlisten sollte bei der hier abgelieferten Qualität allemal drin sein.

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