Festivals: Jedes Jahr ein neues Leben

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Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Artikel, den ich vor einigen Wochen für das Magazin “Kalle” geschrieben habe. Er handelt von der Bedeutung von Festivals für das Leben und erzählt von einigen wenigen Stationen meiner selbst für mich unübersichtlichen Festivalbiographie.

Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um die ideale Position für das Zelt zu bestimmen. Weit genug weg von den Dixies, damit man nichts riecht. Aber mit einer Sichtachse, damit man den Reinigungstrupp als erstes bemerkt und sich ab und zu in einem jungfräulichen Scheißhäuschen erleichtern kann. Bloß nicht direkt an den Besucherströmen oder gar am Rückweg vom Festivalgelände, dem sogennanten Urinoco. Und vor allem, um Himmels Willen, niemals neben Jungs, die Lautsprecher wichtiger finden als ein vernünftiges Vorzelt.

Warum tun wir uns das alles eigentlich an? Jeder Festivalbesuch kostet nicht nur eine Stange Geld und jede Menge Nerven, sondern vermutlich auch ein paar Prozent Hörleistung und Lebenserwartung. Dafür darf man ein paar Tage lang im Dreck leben, wenig bis gar nicht und, wenn doch, sauschlecht schlafen, bei der einen Lieblingsband in tausende Handydisplays starren und die anderen jeweils zur Hälfte verpassen.

Aber ohne Chaos und mit mehr Komfort würde das ganze überhaupt nicht funktionieren. Denn alle Besucher sind dem Wetter, dem Schmutz und den euphorischen Höhenflügen gemeinsam ausgesetzt und verschmelzen spätestens ab dem zweiten Festivaltag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freud und Leid, Essen, Bier, Körperflüssigkeiten und Horrortrips brüderlich teilt. In dieser Utopie auf Zeit darf sich jeder frei von seiner Herkunft und Vorgeschichte neu erfinden, sich ausprobieren, an seine Grenzen gehen. Und wenn das Wochenende überstanden ist, nehmen wir nur so viel davon mit nach Hause, wie wir tragen können und wollen.

Mein erster Festivalbesuch war ein einziger Anfängerfehler. Mit einer Gruppe von musikbegeisterten Jungs hatte ich mich zu Beginn der Nullerjahre durch Konzertbesuche immer weiter nach Norden vorgestastet, wo damals unserer Meinung nach die Musik spielte. Nach weitgehend unbeschadeten Ausflügen zur Batschkapp in Frankfurt, dem Schlachthof in Wiesbaden und dem E-Werk in Köln war es soweit, wir hatten einen Flyer des Festivals mit dem klangvollen Namen “Bizarre” studiert und die die lange Reise ins unentdeckte Land der niederrheinischen Provinz erschien uns angesicht der Bands gar nicht mehr so lange.

Fabian, der heute als Diplom-Betriebswirt in Australien wirkt und auf seinem Facebook-Profilbild eine grotesk überdimensionierte Sonnenbrille in den Landesfarben seiner Wahlheimat trägt, war damals stolzer Besitzer eines weißen VW-Transporters. Transportiert wurden in diesem Fall ungefähr sechs betont schäbig gekleidete Trunkenbolde, drei Zelte, gefühlt eine Palette Dosenbier und natürlich ein ausreichender Vorrat der mittlerweile sprichwörtlichen Ravioli. Ich kann mich an fast nichts erinnern.

Eine einsame, filmhafte Erinnerung in meinem Kopf zeigt mich, wie ich in der Schlange zur Autogrammstunde der Band “Jimmy Eat World” stehe. Meine erste Freundin durfte damals nicht mit. Ich war der festen Überzeugung, dass ihr diese Band etwas bedeutete und kaufte eine CD, um sie signieren zu lassen. “See you later on stage”, sagte ich noch lässig zum Sänger, von dem ich vermutete, dass er Jimmy hieß. Jimmy nickte freundlich, aber irgendetwas an seiner Miene beunruhigte mich. Hatte ich etwas falsches gesagt? Befürchtete er nun, ich würde bei seinem Auftritt auf die Bühne kommen, weil wir uns so gut verstanden hatten bei der Autogrammstunde? “Hi Jimmy, it’s me. We met at the autograph session, remember?”

Beim Konzert stand ich dann ziemlich weit vorne und fand, dass er schlecht sang. Das Mitbringsel war schließlich ein echter Reinfall, sie mochte die Band nicht besonders, hasste das neue Album und fand Autogramme allgemein “schwachsinnig”. Ich war natürlich ein bisschen gekränkt, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass sie in allen Punkten recht hatte, wie bei so vielem. Ein paar Wochen später machte sie Schluss.

Den kompletten Text, einen Guide mit meinen Tipps für die Festivalsaison und viele weitere Artikel zum Thema könnt ihr ab sofort in Printform im Kalle studieren. Das Heft gibt’s im Karlstorbahnhof und überall in Mannheim und Heidelberg, wo diese praktischen Ständer von Fahrwerk im Weg herumstehen!

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