Michael Rault: It’s a New Day Tonight (2018)

Bei Michael Rault passt einfach alles zusammen: Der Schnorres, der exzessive Einsatz von Fuzz und eine Salve von Ohrwürmern mit jeder Menge Sixties-Flair.

Michael Rault

Erschienen am 18. Mai 2018 bei Wick Records

Wick Records ist das neue Rockmusik-Sublabel von Daptone. Kenner der Landschaft können sich anhand dieser Information schon relativ konkret ausmalen, wie Platten aus diesem Hause wohl klingen. Schließlich hat sich die Plattenfirma aus New York mit einer unglaublich detaillierten Annäherung an die goldenen Zeiten der Soulmusik in wenigen Jahren einen ziemlich großen Namen gemacht. Mit Michael Rault gehört jetzt ein Künstler zur Familie, der sich mit krachendem Retro-Rock schon reichlich die Hörner abgestoßen hat. Auf seinem sechsten Album geht es hier und da zwar durchaus zur Sache, aber selbst bei den rasanteren Nummern steht nun eindeutig das Songwriting im Vordergrund.

Dabei gelingen ihm ein paar wirklich großartige Songs, allen voran der titelgebende It’s a New Day Tonight. Hier lassen natürlich eindeutig die Beatles grüßen: Michael Rault spielt Lennon und McCartney in einer Doppelrolle und für die Orchestrierung müsste sich auch ein Sir George Martin nicht schämen. Das muss man erst mal so hinkriegen, denn schon beim Covern von Songs der Fab Four merkt jeder Musiker, das sich das viel einfacher anhört als es tatsächlich ist. Gott sei Dank bleibt es aber nicht dabei, vor allem die ausreichend bissige Gitarre geht immer wieder ihren eigenen Weg. Und so gelingt Michael Rault ein extrem spielfreudiges Album, das einfach Spaß macht und sich perfekt für lange Autofahrten eignet.

Mehr aus dem gleichen Regal:
John Andrews & The Yawns – Bad Posture (2017)
Dr. Dog – Critical Equation
Daniel Romano – Modern Pressure (2017) 

Buck Meek: Buck Meek (2018)

Als schrulliger Gitarrist von Big Thief ist Buck Meek spätestens seit dem grandiosen Auftritt bei NPR’s Tiny Desk Concert bekannt. Auf seinem Debüt als Solokünstler überzeugt er aber vor allem als poetischer Songwriter mit Blick für alltägliche Abgründe.

Buck Meek Album on Keeled Scales

Erschienen am 18. Mai 2018 bei Keeled Scales

Wer ausgiebiges Gegniedel auf der elektrischen Gitarre wie bei seiner Arbeit für Big Thief erwartet hat, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein. Denn das erste Album von Buck Meek auf dem geschmackvollen texanischen Label Keeled Scales definiert den Topos des betont beiläufigen Klampfenspiels neu. Die Songs sind eher spärlich instrumentiert, nasal am Mikrofon vorbeigenuschelt und enden gefühlt mitten in der dritten Strophe auf irgendeinem Akkord. Das wirkt oft nicht nur skizzenhaft, sondern auch wie ein Intro zu einem Song, der dann doch nicht kommt. Die kalkulierte Unfertigkeit mag für manche Hörer unbefriedigend sein, entwickelt aber durchaus seinen ganz eigenen Reiz.

Hier und da kriegt Buck Meek allerdings locker die Kurve und hat mit Cannonball und Maybe sogar zwei kleine Hits im Gepäck, die eine grandiose Chemie innerhalb der Band einfangen und ordentlich rocken. Neben dem Slowmo-Blues Sue und der abschließenden Countryballade Fool me sind es außerdem die einzigen Nummern, bei denen die Miniaturlänge von zweieinhalb Minuten überschritten wird. Insgesamt ein sehr kurzes, aber auch kurzweiliges und intensives Album, in dem ganz unscheinbar genug gute Ideen für ein Doppelalbum versteckt sind.

Hier könnt ihr weiterhören:
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

Big Thief – Capacity (2017)
Big Thief – Masterpiece (2016)

Dr. Dog – Critical Equation

Dr. Dog kommen aus Philadelphia und haben schon einige Alben mit jeder Menge ausgefeilter 60er-Psychedelik auf dem Buckel. Die Songs auf der neuen Platte haben sie in wenigen Tagen geschrieben und aufgenommen, was der Musik ein luftiges Grundfeeling verpasst und Raum für große Melodien schafft.

DrDog

27.4.2018 / We Buy Gold Records

Manchmal muss man einfach locker lassen und loslegen. Die Jungs von Dr. Dog konnten das zwar schon immer ganz gut, aber auf Critical Equation wird der sympathische Slacker-Sound auf die Spitze getrieben. Die meisten Songs liegen faul auf einer einsamen, aber absolut einleuchtenden musikalischen Idee herum und chillen in gemächlichem Tempo vor sich hin. Die Aufnahmen wurden behutsam bearbeitet und nur mit wenigen zusätzlichen Spuren ergänzt. So hat man eigentlich immer das Gefühl, mitten im Proberaum auf einer ranzigen Couch zu liegen und die Sportzigarette vom Bassisten zum Schlagzeuger weiterzugeben.

Aus der gemütlichen Reihe von Songs stechen aber doch einige durch ihre extreme Eingängigkeit heraus. Die Texte verzaubern dabei fast durchgehend mit einer poetischen Lakonie, die man so selten findet. Das trägt zu dem allgemein eher beiläufigen Charakter der Musik bei, die man sowohl auf einer langen Autofahrt als auch zuhause an einem verstrahlten Sonntagmorgen genießen kann. Eine unglaublich bescheidene und reife Platte von einer sympathischen und extrem gut eingespielten Band, die niemandem mehr etwas beweisen muss.

Mehr Zeug von der Sorte gibt es hier:
Bonny Doon – Long Wave
Dick Stusso – In Heaven
Michael Nau – Some Twist (2017)

Okkervil River – In the rainbow rain

Es ist total nachvollziehbar, wenn Fans von Okkervil River dieses Album nach ein paar Takten abwürgen und die Band für immer verfluchen. Allerdings verpassen sie dann eine unglaublich facettenreiche Platte, die weit über den nostalgischen Folkrock des bisherigen Schaffens der Texaner hinausgeht.

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27.4.2018 / ATO Records

Am Ende des ersten Songs zitiert die Leadgitarre minutenlang “Waterloo Sunset” von The Kinks über einen Loop aus euphorischem Yacht Rock und flirrenden Synthies. Diese Momentaufnahme reicht aus, um die grenzenlose Spielfreude zu charakterisieren, die Okkervil River anscheinend bei den Aufnahmen zu ihrem aktuellen Album überfallen hat. Denn bisher war die Musik der Gruppe aus Austin zwar immer schön anzuhören, aber meistens eher voraussehbar als überraschend. Darunter wird jetzt ein deutlich hörbarer Schlussstrich gezogen, Wiedererkennungswert bieten auf “In the rainbow rain” nur noch die Stimme von Will Sheff, die ungewohnte Hochglanzproduktion und die Tatsache, dass jeder Song auf seine ganz eigene Art Hitpotential hat.

Deshalb fällt es auch schwer, potentiellen Zuhörern konkret zu vermitteln, was sie zu erwarten haben. Vergleiche zu Giganten wie Pink Floyd, David Bowie, Todd Rundgren oder womöglich sogar Madonna (!) könnten im Hinblick auf bestimmte Aspekte in die richtige Richtung deuten, verbieten sich aber sowieso. Bands wie The War on Drugs, Paper Kites, Tame Impala oder My Morning Jacket haben ähnlich wenig Berührungsängste mit dem, was man als zeitlosen Mainstream bezeichnen könnte, legen sich aber stilistisch viel eindeutiger fest. Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit und gleichzeitig ein ungläubiges Staunen über ein vollkommen unübersichtliches, aber irgendwie doch kohärentes Feuerwerk aus musikalischen Ideen, von denen die meisten erfolgreich auf dem schmalen Grat zwischen popkultureller Genialität und Kitsch ausgetragen werden.

Danach könnte man es mal mit diesen Platten probieren:
The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)
Dick Stusso – In Heaven
Fancey – Love Mirage (2017)