The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)

Auf dem Debüt des Duos namens The Saxophones gibt es glücklicherweise nur wenig Saxofon, dafür aber jede Menge delikate Songs voller schwüler Urlaubsstimmung.

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Erschienen am 1. Juni 
2018 auf Full Time Hobby

Wenn ich ein Instrument hasse, dann das Saxofon. Natürlich gibt es auch geile Saxofon-Solos und sogar wahnsinnig geile Platten, in denen das Saxofon eindeutig die Hauptrolle spielt. Aber spätestens als eine meiner Mitbewohnerinnen mit fast 25 Jahren noch unbedingt Saxofon lernen wollte und regelmäßig meine ruhigen Nachmittage zersägte, war ich nicht mehr gut auf das Instrument zu sprechen. Ich recherchierte und fand heraus, dass man es im 19. Jahrhundert erfand, weil die herkömmlichen Blasinstrumente allein für die immer größer werdenden Konzerthäuser nicht mehr laut genug waren. Aha, dachte ich mir, und zementierte meine Vorurteile. Warum eine sehr leise Band nun ausgerechnet nach einem Werkzeug zur akustischen Kriegsführung benannt ist, war mir dementsprechend erst mal rätselhaft und ich begegnete der Musik auch mit einer gewissen Skepsis.

Das Musikvideo zur Single “Mysteries Revealed” auf Youtube:

Umso größer war natürlich die Begeisterung angesichts des extrem delikaten Klangbilds, in dem die Songs auf diesem Album ineinander verschwimmen wie die Farben in einem Aquarell. Aus dem pastellfarbenen Hintergrund treten zunächst schemenhaft, dann immer klarer werdend Assoziationen auf, die sehr bewusst und extrem detailverliebt eingefädelt wurden. Exotika aus den 50ern, Aloha-Pop aus den 60ern, Easy Listening aus den 70ern: The Saxophones komponieren aus fast völlig in Vergessenheit geratenen Zutaten einen unerwartet stimmigen Rahmen für ihre miniaturenhaften Songs, die sich meistens auch auf winzige Ausschnitten und beiläufige Momentaufnahmen aus ihrem Leben als musizierendes Ehepaar beschränken. Beschränkung ist hier tatsächlich wieder ein mal das ganz große Zauberwort, dass aus spartanischen Arrangements und einem eigentlichen schematischen musikalischen Konzept ein großartiges Album für ruhige Stunden entstehen lässt.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Alben:
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
Michael Nau – Mowing (2016)
Michael Nau – Some Twist (2017)

 

Marla & David Celia – Daydreamers (2018)

Marla hat 2016 ein vielversprechendes Debüt abgeliefert, David Celia hat schon vier beachtliche Alben auf dem Buckel. Gemeinsam gelingt ihnen eine Platte voller Nostalgie und Herzenswärme, die im Folk-Bereich ganz oben mitspielt.

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Erschienen am 17. August 2018 auf Elite Records

Schon das Debüt-Album der aus Heidelberg stammenden Marla war gewissermaßen eine Kollaboration der beiden. Ihre sinister in die Tiefe blickenden Songs auf “Madawaska Valley” wurden durch David Celias Produktion deutlich aufgehellt, die schwerelose Gitarrenarbeit fügt dem Ganzen eine gewissen schwebende Leichtigkeit hinzu. Auf seiner letzten Platte “Double Mind” zeigte sich der Kanadier scharfzüngig und humorvoll wie eh und je, allerdings schlichen sich auch melancholische und sogar wehmütige Gedanken in so manchen Refrain. Folgerichtig wirkt das erste gemeinsame Album der beiden wie ein gemeinsames musikalisches Erweckungserlebnis. Plötzlich ist da diese emotionale und harmonische Balance, welche die Songs noch mal auf eine ganz andere Ebene hebt.

Das Musikvideo zu Heart Like A Dove auf Youtube:

Die gemeinsame Arbeit an den Songs begünstigt eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit, die aktuell nicht viele traditionsbewusste Folkplatten aufweisen. Beide Künstlerpersönlichkeiten sind in ihrer jeweils eigenen Identität jederzeit präsent. Wer sie kennt und aufmerksam zuhört, kann förmlich mitverfolgen, wie sie mit einander tanzen, streiten, sich versöhnen und manchmal auch erschöpft zu Boden sinken. Das ist fast ein bisschen wie bei Lennon und McCartney, aber mit weniger Egos und viel mehr Liebe. Ganz abgesehen von diesem ganzen romantischen Gedöns besteht “Daydreamers” aber auch einfach aus elf verdammt gute Songs, die jeder für sich eine eigene kleine Geschichte erzählen und als Ganzes zu einer eigenen Welt zusammenwachsen. Ein fantastisches Album für eine Fahrt auf der Landstraße, für ein Frühstück auf dem Balkon oder für einen gemütlichen Abend auf der Couch – einfach Musik, die alles Gute und Schöne am Leben kanalisiert, auffängt und behutsam konserviert. Danke dafür.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Alben:

Bonny Doon – Long Wave (2018)
Twain – Rare Feeling (2017)
The Deslondes – The Deslondes (2015)

Michael Nau – Michael Nau & The Mighty Thread (2018)

Schon im dritten Jahr in Folge veröffentlicht Michael Nau mitten im Sommer ein komplettes Album. Das neueste Werk überzeugt vor allem durch die Emanzipation seiner Band “The Mighty Thread” von der reinen Begleitung seiner Folksongs zu einem Impulsgeber in Sachen Groove.

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Erschienen am 3. August 2018 auf Full Time Hobby

Man kann inzwischen die Uhr danach stellen: Jedes Jahr mitten im Sommerloch bringt Michael Nau eine neue Platte heraus und Bandcamp kürt sie kurzentschlossen zum Album of the day. Das geht jetzt schon seit 2016 so und kann auch gerne so weitergehen. Denn der Erfolg dieser Veröffentlichungen beruht nicht primär auf dem Mangel an Neuerscheinungen in der Sommerpause, sondern auf der enormen musikalischen Qualität. Ob mit seinen Bands Cotton Jones und Page France oder Solo unter eigenem Namen: Jeder Song von Michael Nau hat Hand und Fuß, aber vor allem auch ein Herz und eine Seele. Auf den letzten beiden Platten überwog noch eine scheinbar unüberwindbare, sonnengebleichte Melancholie. Nun fühlt man sich hier und da fast schon wie bei einer zwar immer noch ziemlich entspannten, aber durchaus feuchtfröhlichen Gartenparty mit Tanzorchester.

Das Musikvideo zur Single „On Ice“ auf Youtube:

Wie der Albumtitel schon sagt, verschiebt sich der Fokus von der Songwriting-Essenz noch ein wenig mehr in Richtung Band. Eine gewisse Funkyness stellt sich im instrumentalen Bereich ein, die Michael Nau auch gesanglich aufgreift. Schon auf der letzten Platte “Some Twist” outete sich der ehemalige Folkie als Besitzer einer amtlichen Soulstimme, getragen von den ausladenden Grooves lässt er sie nun noch häufiger raus. Zudem lichtet sich der Nebel aus Hall und Lo-Fi-Knistern wieder ein wenig und gibt den Blick frei auf die außerordentlich detaillierten und geschmackvollen Arrangements. Da schleichen leise Orgeln und wabernde Synthies im Hintergrund umher, lateinamerikanische Percussions lockern die stoischen Schlagzeugrhythmen ein wenig auf und elektrische Vibrato-Gitarren überbieten sich gegenseitig mit lapidaren Solos. Und so perfektioniert Michael Nau erneut die vergessene Kunst, ein Album zu machen, das an einem heißen Sommertag einfach vorbeirauscht und doch einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Alben:

Michael Nau – Some Twist (2017)
Michael Nau – Mowing (2016)
Kevin Kratuer – Toss Up (2018))