Wilder Maker – Zion (2018)

 

Erschienen am 13. Juli 2018 bei Northern Spy Records

Wer diese Platte als ambitioniert bezeichnet, untertreibt maßlos: Gabriel Birnbaum nennt etwa James Joyce als Inspirationsquelle für seine Texte. Vermutlich bezieht er sich dabei zwar weniger auf ganz dicke Prügel wie Ulysses oder Finnegan’s Wake. Aber auch die Dubliners sind kein bescheidener Maßstab, um das Künstlerleben im Brooklyn des 21. Jahrhunderts als literarische Grundlage für ein Konzeptalbum aufzuarbeiten. Ohnehin kann der Stellenwert der Worte bei diesem Projekt gar nicht genug betont werden. Denn dass die Lyrics hier zunächst ohne vorauseilenden Gehorsam vor der musikalischen Verwertbarkeit entstanden sind, erkennt man schon an den epischen Längen – und Textmengen – mancher Songs. An den Songtiteln lassen sich außerdem bereits die inhaltlichen Eckpunkte ablesen: Beschissene Jobs, komplizierte Beziehungskisten und prekäre Lebensverhältnisse hier, euphorische Erlebnisse, grenzenlose Selbstverwirklichung und die obligatorischen Drogenparties dort.

Ein kleiner Vorgeschmack auf Youtube:

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Textverarbeitung das musikalische Geschehen immer wieder in eine rein begleitende Rolle drängt. Das könnte in die Hose gehen, wäre das Bandgefüge nicht mit einer unglaublich fein abgestimmten Dynamik gesegnet. Außerdem findet das Kollektiv um Katie von Schleicher und Gabriel Birnbaum immer die passende musikalische Inszenierung für jeden lyrischen Twist, zwischen psychedelischer Wucht und kammermusikalischen Minimalismus ist alles möglich. Vor allem aber brechen die Songs zuverlässig ins Hymnische aus, wenn das Versmaß ein bisschen Platz lässt für etwas großzügigere Melodiebögen bietet. Wer möchte, kann sich also stundenlang mit den erzählerisch eingesetzten Stilzitaten und einem insgesamt ziemlich einzigartigen Detailreichtum auseinandersetzen. Aber auch ohne besondere Aufmerksamkeit für den tieferen Sinn des Ganzen ist Zion eines Sammlung von faszinierend unterschiedlichen Songs, die einzeln betrachtet ausnahmslos überzeugen und gemeinsam den schillernden Kosmos einer Stadt atmosphärisch dichter einfangen als so mancher sehenswerte Film.


Das ganze Album auf Bandcamp:


Andere Städtereisen im Albumformat:

LA Salami – The City Of Bootmakers
Olden Yolk – Olden Yolk
Okkervil River – In the rainbow rain

Kommentare

2 comments on “Wilder Maker – Zion (2018)”

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