Steve Gunn – The Unseen in Between (2019)

Erschienen am 18. Januar 2019 bei Matador Records

Wollte man etwas platt daher kommen, könnte man einfach sagen, Steve Gunn habe mit dieser Platte der Rockmusik vor allem einen großen Gefallen getan. Oder besser, er habe quasi ein uraltes Paradoxon des Genres einfach mal so aufgelöst, das da heißt: Du kannst kein begnadeter Gitarrist und gleichzeitig ein begnadeter Songwriter sein. Wobei „begnadet“ hier heißt, dass der Song  eben nicht bloß als grell beleuchtete Bühne für die Griffbrettmasturbationen der betreffenden Maestros dienen sollte.

Aber wie gesagt, das wäre zu platt. Gunn ist mittlerweile viel zu lange in seinen ganz eigenen musikalischen Universen unterwegs, als dass er für solche Späße  herhalten müsste. Der ehemalige Kunststudent aus Brooklyn galt allerdings lange Zeit eher als typischer Szeneliebling – also als einer, den hauptsächlich andere Künstler und Musiker abfeiern. Wahrscheinlich weil Gunn seine Inspiration immer aus den etwas kruderen und weniger offensichtlichen Episoden der gitarrenlastigen Populärmusik-Historie bezogen hat. Hypnotischer Appalachian-Fingerstyle,  fuzziger Psychedelic-Rock aus den 60ern, verspielter britischer Kammerfolk. Das alles entwickelte im Zusammenspiel mit Gunns immer etwas verschnupft wirkender Stimme einen derart hypnotischen und gleichzeitig energetischen Sog, dass man nie wusste, ob man in Meditationen versunken auf ein Mandala starren oder direkt das nächste Dosenbier aufreißen sollte.

Ein kleiner Vorgeschmack auf YouTube:

Auf The Unseen in Between spielt der 41-Jährige alle seine Asse mit einem Schlag aus. Kunstvoll erzählt er teils schrullige, teils tragische Geschichten von Außenseitern und Einzelgängern – was das Album inhaltlich zusammenhält, ist vor allem die empathische Nähe zu den Verlierern der kapitalistischen Massengesellschaft. Dass mit Tony Garnier der langjährige Bassist von Bob Dylan auf dem Album mitgewirkt hat, kann man in diesem Zusammenhang als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, muss man aber nicht.

Dazu fließen unzählige Gitarrenspuren so spielerisch und mühelos umeinander wie eine Brut schillernder Schlangen in ihrem Nest. Gleichzeitig scheint das alles zu schweben und immer irgendwie auch nach oben streben zu wollen – in Gunns besten Momenten wird der Hörer so mitgenommen auf einen verhallten Trip durch Zeit und Raum. Und irgendwann kommt man dabei auch am Gitarrengott vorbei, der zufrieden lächelnd auf einer Wolke sitzt und Gunns neueste Riffs übt.

Das ganze Album bei Spotify:

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