5 Highlights, die du beim Maifeld Derby 2017 leider verpassen wirst

Wie es sich für ein Festival gehört, ist es auch beim Maifeld Derby 2017 unmöglich, alle Bands zu erleben, die man unbedingt erleben muss. Um euch die Entscheidungen noch schwerer und die Versäumnisse noch schmerzhafter zu machen, habe ich ein paar besondere Härtefälle zusammengestellt. Gern geschehen!

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TOPS fielen 2015 der Mittagssonne zum Opfer. Foto: Carina Huber / Marsmädchen

Jeder kennt das: Da hat man monatelang Line-Ups verglichen und schließlich schweren Herzens eine Niere vertickt, um genug Kohle für ein Ticket und den Rest zu haben. Und dann spielen ausgerechnet die zwei allerliebsten Lieblingsbands gleichzeitig auf den am weitesten voneinander entfernten Bühnen. Aber es gibt noch andere Gründe, die ersehnten Konzerterlebnisse zu verpassen. Vom Stau auf der Autobahn über die Schlange bei der Einlasskontrolle bis hin zur Alkoholvergiftung, deren Folgen am nächsten Tag und zu schönes oder zu schlechtes Wetter – das Repertoire ist grenzenlos. Bei Tops aus Kanada kamen 2015 so ziemlich alle Gründe zusammen, weshalb ich das Konzert auf der Fackelbühne bei strahlendem Sonnenschein um 14 Uhr gefühlt alleine genießen konnte. Und natürlich gibt es auch dieses Jahr ein paar heiße Kandidaten für den ultimativen Versäumnis-Fail:

1. Heim (D)
Freitag, 23.00 Uhr im Brückenaward-Zelt

Was verpasse ich da?
Ein paar junge Männer aus der bayrischen Provinz, die nicht nur mit ihrem Album “Palm Beach” (Tapete Records) den deutschsprachigen Post Rock neu erfunden haben, sondern auch eine der elektrisierendsten Livebands sind, die es im Moment gibt.

Warum verpasse ich das?
Vermutlich, weil du dich mit ein paar attraktiven Personen zum parallel angesetzten Bilderbuch-Konzert im Palastzelt verabredet hast und sie vergeblich “zwischen der zweiten und der dritten Säule” suchst.


2. Ryley Walker (USA)
Samstag, 22.10 Uhr im Parcours d’amour

Was verpasse ich da?
Stell dir vor, Van Morrison hätte kurz nach der Veröffentlichung von Astral Weeks einen Dreier mit Donovan und Nick Drake gehabt, und aus dieser Liebesnacht wäre ein gemeinsamer Sohn der drei hervorgegangen. Anders ist die Existenz von Ryley Walker nicht zu erklären.

Warum verpasse ich das?
Vielleicht bist du am Samstag um die Uhrzeit gerade so in Fahrt, dass du keine Lust hast, auf der Sitzplatztribüne des Reitstadions gemütlich zu chillen. Höchstwahrscheinlich suchst du aber immer noch nach diesem “Parcours d’Amour” und fragst dich, ob damit vielleicht die Flirtzone vor den Dixieklos gemeint sein könnte.


3. Mitski (USA)
Sonntag, 14.00 Uhr auf der Fackelbühne

Was verpasse ich da?
Eine japanischstämmige Singer/Songwriterin aus New York, die trotz ihres zarten Alters von gerade mal 26 Jahren auf vier großartige LPs zurückblicken kann und deshalb aus einer unglaublichen Menge von immer noch aktuellem Material die besten Festivalsongs herauspicken kann.

Warum verpasse ich das?
Vermutlich ist es am Samstagabend nicht bei zehn leckeren Maurerbomben von der Weschnitztaler Braumanufaktur geblieben. Natürlich hast du auf dem Rückweg noch alte Freunde getroffen, die dich dann überredet haben, auf einen Absager in die beliebte Kneipe “Zur Wüste” mitzukommen. Am Sonntag wachst du dann so gegen 15.00 Uhr auf und schaffst es leider nicht vor dem Schlussakkord von Spoon um 16.30 Uhr, einen halbwegs festivalkompatiblen körperlichen Zustand zu erreichen.


4. Whitney (USA)
Sonntag, 14.40 Uhr im Palastzelt

Was verpasse ich da?
Manche würden sagen: Vielleicht die beste Band des Festivals. Andere würden sagen: Nix. Auf jeden Fall verpasst du den vielleicht besten Schlagzeuger, der gleichzeitig Leadsänger seiner Band ist und so eine unglaubliche Dynamik in den folkigen bis souligen Indierock zaubert. Also vielleicht schon eher die beste Band des Festivals.

Warum verpasse ich das?
Sagen wir mal, du hast es tatsächlich geschafft, am Samstag bei fünfeinhalb Bier aufzuhören, vor drei Uhr ins Bett zu gehen und am Sonntag rechtzeitig aufzustehen und das Gelände zu erreichen. Willst du dich dann an einem strahlend schönen Nachmittag wirklich in das dunkle Palastzelt begeben? Ich nicht. Aber für Whitney mach ich’s wahrscheinlich doch.



5. Andy Shauf (CAN)

Sonntag, 19.30 Uhr im Parcours d’amour

Was verpasse ich da?
Schau dir das Video an, hör dir an was die spielen und vor allem wie. Andy und seine Freunde sind nämlich nicht nur die größten Nerds aller Zeiten, sondern spielen unfassbar ausgefuchsten Folk-Rock, der Beiläufigkeit und Perfektionismus auf ungeahnte Weise zusammenbringt.

Warum verpasse ich das?
Also dafür gibt es nun wirklich überhaupt keine ernstzunehmende Ausrede, oder musst du etwa deinen Papa zu seiner gleichzeitig auf der Fackelbühne spielenden Lieblingsband Primal Scream begleiten? Wir wollen es mal nicht hoffen…


Natürlich sind die meisten Versäumnisse vermeidbar. Alles eine Frage der Disziplin, Organisation und sorgfältigen Abwägung. Aber wollen wir auf einem Festival diszipliniert und organisiert sein oder irgendetwas sorgfältig abwägen? Nein, wir wollen uns vollsaufen, zufällig neue Bands entdecken und den ein oder anderen sozialen Moment erleben – was auch immer das im einzelnen heißen mag. Und dabei kommt zwangsläufig heraus, dass wir auch mal etwas verpassen, dass uns dann hinterher alle als heißesten Scheiß aller Zeiten unter die Nase reiben. Das ganze Leben ist nicht viel mehr als eine unendliche Aneinanderreihung von Versäumnissen, jedenfalls wenn man seinen Fokus auf die verpassten Gelegenheiten richtet.

Vielleicht werde ich mich irgendwann damit abfinden, aber dafür ist auch noch nächste Woche Zeit. Bis dahin genieße ich erst mal, wie ein Bessesener den Timetable zu studieren und die wichtigsten Bands als Termin mit Vorwarnung in mein Handy einzugeben. Noch habe ich nix verpasst!


Disclaimer: Dieser Artikel beabsichtigt nicht, Kritik an der Planung des Festivals zu führen. Überschneidungen und die Platzierung von attraktiven Bands in unattraktiven Slots sind bei einer Programmgestaltung in dieser Größenordnung unvermeidlich.

Fünf brandneue Alben für den Sommer

Von Juli bis September tut sich auch auf dem Musikmarkt ein Sommerloch mit epischen Ausmaßen auf. Aber keine Sorge, allein im Juni kommen so viele tolle Platten heraus, dass man damit locker bis zum Herbst durchhält. Viele Bands wollen nämlich unbedingt noch neue Musik veröffentlichen, bevor es richtig losgeht mit der Festivalsaison. 

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Irgendwann hat es mal ein schlauer Kopf von einer großen Plattenfirma gemerkt: Die Leute kaufen einfach viel weniger Musik, wenn sie sich irgendwo am Strand von der Sonne rösten lassen. Wenn man im Sommer in einen Plattenladen geht, sind in dem Regal mit den Neuerscheinungen deshalb oft genauso wenige Scheiben wie Wolken am blauen Himmel.

Das heißt aber nicht, dass im Sommer weniger Musik gehört wird. Gerade auf Reisen ist ein gutes Album immer noch eine der schönsten und beliebtesten Arten, sich die Zeit zu versüßen, egal ob im Autoradio oder mit Kopfhörern im Flugzeug. Und wer nicht wegfahren kann, nutzt vielleicht ab und zu die sommerliche Einsamkeit im Büro, um die Computerboxen mal richtig aufzudrehen und einen akustischen Kurzurlaub anzutreten. Damit ihr in jedem Fall gut über den Sommer kommt, sind die Neuerscheinungen für Juni im Soft Rock Café schon mal vorab hoch und runter gelaufen und dabei haben sich ein paar besonders heiße Tipps herauskristallisiert.

1. TOPS – Sugar at the gate

Um ihr drittes Album aufzunehmen, ist die bezaubernde Jane Penny mit ihren Jungs extra aus der Indie-Metropole Montreal nach LA gezogen. Das hat sich gelohnt, denn ihr Gitarrenpop klingt luftiger und sonniger denn je, auch wenn die Texte keineswegs so oberflächlich sind, wie es die sorglose Musik der Band vielleicht beim ersten Hören vermuten lässt. Das perfekte Album für einen Nachmittag am Strand oder für diesen Moment im Büro, wenn man einfach mal die Augen schließt um von einer einsamen Insel zu träumen.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 2.6.2017 hier!

2. Big Thief – Capacity


Wer sich von melancholischer Musik leicht runterziehen lässt, sollte sich dieses Album vielleicht eher für den letzten Urlaubstag aufheben. Denn Adrienne Lenker aus Brooklyn und ihre detailverliebte Band machen nicht nur wunderschöne Rockmusik mit einem Hauch Folk, sondern befassen sich auch mit tiefschürfenden Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz und kommen dabei nicht nur zu positiven Schlussfolgerungen. Aber dennoch oder auch gerade deswegen ist Capacity ein geniales Album, zum Beispiel für eine weintrunkene Nacht auf dem Balkon.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 9.6.2017 hier!

3. Michael Nau – Some Twist

Michael Nau ist einer dieser klassischen Slackertypen, die keinen Gedanken an ihre Karriere verschwenden und lieber mit viel Herzblut ein Album nach dem anderen veröffentlichen. Diese entspannte Herangehensweise ans Leben ist für einen Moment lang extrem ansteckend, wenn er mit tiefer Stimme seine verhallten Folkperlen vorträgt. Da entsteht eine unglaublich dichte Atmosphäre, die ganz ähnlich wie Big Thief eher in ein nächtliches Setting passt, aber deutlich hoffnungsvoller in die Zukunft blicken lässt.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 16.6.2017 hier!

4. Fleet Foxes – Crack-up

Die Fleet Foxes muss man eigentlich nicht mehr groß vorstellen. Es versteht sich von selbst, dass dieses Album nicht nur von vielen Musikhörern und Fans, sondern auch innerhalb der Musikszene sehnlichst erwartet wird. Jeder will wissen, was die vielleicht einflussreichste Folkband unserer Zeit als nächstes macht, welche künstlerischen Richtungsentscheidungen getroffen werden. Auf jeden Fall gibt es wieder mehr traditionelle Klänge und sehr ausschweifende Songs, weshalb sich das Album zum Beispiel hervorragend dazu eignet, eine längere Autofahrt durch ländliche Gebiete zu untermalen.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 16.6.2017 hier!

5. The Deslondes – Hurry Home

Wer schon von der geringsten Prise Pedal Steel und Mundharmonika einen allergischen Schock bekommt, sollte von dieser Platte die Finger lassen. Leider ist die Country-Phobie gerade in Deutschland weit verbreitet, sodass die Vielfalt dieser gigantischen Musikwelt und Bands wie The Deslondes aus New Orleans hier weitestgehend unbeachtet bleiben. Das ist schade, denn die Jungs knüpfen nahtlos an ihr fantastisches Debüt-Album an und schenken uns den perfekten Soundtrack für eine Grillparty mit alten Freunden, viel Barbecuesoße und noch mehr Bourbon auf Eis.

Das Album und einen ausführlichen Artikel findet ihr ab dem 23.6.2017 hier!

Natürlich ist das nur eine ganz kleine Auswahl von vielen tollen Platten, die im Juni auf uns zukommen werden. Darunter gibt es große Namen wie Alt-J, London Grammar, Phoenix, Sufjan Stevens, Tindersticks und Saint Etienne, aber auch Geheimtipps wie Algiers und Kevin Morby. Ich werde natürlich versuchen, euch hier jede Woche so gut es geht auf dem Laufenden zu halten und noch weitere Alben für den Sommer für euch zu aufzuspüren. Und für alle Fälle gibt es ja auch noch das mittlerweile recht stattliche Archiv, in dem sich aktuelle Veröffentlichungen der letzten Monate aber auch wiederentdeckte Scheiben aus lange vergangenen Zeiten verstecken. Für Musik ist also reichlich gesorgt, jetzt müsst ihr nur noch die Getränke eurer Wahl kaltstellen und den Sommer genießen.

Warum es das Tanzverbot vor Ostern wirklich gibt

 

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Im Juli 2014 fand in Heidelberg eine seltsame Podiumsdiskussion mit Politikern und Kirchenvertretern statt. Der Titel der Veranstaltung lautete “Sind Tanzverbote noch zeitgemäß?” und diese Frage wurde wie erwartet von allen Beteiligten verneint. Für die Pfarrer in der Runde war das aber kein Argument gegen Tanzverbote, im Gegenteil. Man wolle auf den bestehenden Rechtsprivilegien beharren und das weltliche Leben “stören” so gut es geht. Wer ein mal in der Nähe einer Kirche gewohnt hat und mehrmals täglich in den Genuss des sogenannten “vollen Geläuts” kam, kennt diese Strategie vielleicht schon.

Für viele junge Leute ist das Tanzverbot vor allem eine absurde Gängelung, ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. So einfach ist es aber nicht, denn kulturanthropologisch gesehen ist die Geschichte dieser umstrittenen Regelung hochinteressant. Das Tanzverbot ist einer der letzten Reste einer repressiven Gesetzgebung, die verbietet und bestraft, wo gar keine konkreten Rechtsansprüche verletzt werden. Denn es gibt in den allermeisten Fällen weder eine zeitliche noch eine räumliche Nähe zwischen Kirchen und Clubs, und niemand wird durch das Tanzen anderer in der von der Religionsfreiheit geschützten Ausübung seines Glaubens eingeschränkt.

Wie bei vielen Verboten, die inzwischen abgeschafft wurden (Homosexualität, Kuppelei) handelt es sich um eine Beschränkung der Freiheitsrechte zum Schutz dessen, was man früher Sittlichkeit nannte, also keiner rechtlichen, sondern moralischen Verpflichtung geschuldet. Jeder politische Versuch, heute ein solches Verbot in irgendeinem Bereich neu aufzulegen, würde grandios scheitern. Man sieht das beispielsweise an der Diskussion um ein Verbot der sogenannten “Ballerspiele”. Nun ist das Tanzverbot aber schon da, und die Kirchen wehren sich mit allen Mitteln gegen jede weitere Lockerung. Um es argumentativ zu bekämpfen, muss man aber erst verstehen, warum es überhaupt entstanden ist. Und das geht leider nicht ohne einen etwas trockenen historischen Exkurs.

Bis ins späte 19. Jahrhundert hatte der Tanz eine singuläre gesellschaftliche Funktion. Tanzen war die einzige Gelegenheit, über Begrüßungsgesten hinaus in der Öffentlichkeit Körperkontakt zwischen potentiellen Sexualpartnern anzubahnen. Ähnlich wie der Exzess zu Karneval war auch die meistens Sonntags nach dem Gottesdienst angesetzte Tanzveranstaltung ein von der Kirche geduldeter Freiraum, in welchem man sich im Rahmen von bestimmten Regeln anfassen und beschnuppern konnte. Diese Institution diente ursprünglich nicht unbedingt der Partnersuche, denn die Liebesehe gibt es erst seit etwa 200 Jahren. In erster Linie diente der Tanz der Triebabfuhr, denn er bot jungen Menschen die Gelegenheit zu sexuellen Ersatzhandlungen und zu Momenten der Nähe mit der oder dem Geliebten. Das war natürlich in den meisten Fällen nicht die Person, die man später heiraten musste.

Wenn nicht gerade hohe Feiertage anstanden, verschloss der liebe Gott also ganz gerne seine Augen vor bestimmten Dingen, die sich eigentlich nicht gehörten aber letztlich nicht zu verhindern waren. Die katholische Kirche war übrigens in dieser Hinsicht lange Zeit wesentlich liberaler als die evangelische, die viele traditionelle Tänze aufgrund von unsittlichen Bewegungen kategorisch untersagte. Außerdem muss man wissen, dass die Sexualmoral im Mittelalter viel weniger repressiv gehandhabt wurde als in der frühen Neuzeit, als sich die Konfessionen in einen wahren Wettbewerb um das richtige Leben hineinsteigerten.

Ein weiterer Grund für die Einführung von Tanzverboten war, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in Dorfgemeinschaften lebten, die jeweils eine gemeinsame Lebenswelt definierten. In den Dörfern gab es ein einziges Wirtshaus, zumeist neben der Kirche und das war in der Regel auch die einzige Location, in der Tanzveranstaltungen stattfinden konnten. Da es keinerlei Voraussetzungen für Lärmschutz gab und die Blas- und Schlaginstrumente für damalige Verhältnisse ähnlich laut waren wie unsere heutigen Clubanlagen, hörte selbst bei Indoor-Veranstaltungen garantiert das ganze Dorf die Musik. Die Lieder, die häufig mitgesungen wurden, waren voller Schweinkram, auch wenn sich die Anzüglichkeiten im Gegensatz zu heutigen Ballermann-Hits stets durch Codes vor der Zensur verstecken mussten.


Dass unter diesen Bedingungen Tanzveranstaltungen etwa am Karfreitag sowieso völlig undenkbar waren, ist selbstverständlich. Deshalb gab es auch im 18. und 19. Jahrhundert noch keine ausdrücklichen Tanzverbote an bestimmten Feiertagen. Im Gegenteil, es gab in den meisten deutschen Kleinstaaten ohnehin ein herrschaftliches Monopol für die öffentliche Aufführung von Musik, so dass für jede Tanzveranstaltung eine explizite Genehmigung notwendig war. Und auch später im deutschen Reich mit seinem bürgerlichen Recht ist wohl niemand auf die Idee gekommen, eine Genehmigung für eine Tanzveranstaltung am Karfreitag zu beantragen. Nicht weil es verboten war, sondern weil man den Antragsteller im wahrsten Sinne des Wortes für verrückt erklärt hätte.

Das Tanzverbot, so wie wir es heute kennen, ist also kein Relikt aus dem Mittelalter, es ist eine relativ neue Errungenschaft. Denn nach der sogenannten “Dekadenz” der Weimarer Republik, in der endlich jeden Tag gefeiert werden durfte, sorgten tatsächlich erst die Nazis für flächendeckende staatliche Tanzverbote. Vorbild dafür waren die örtlichen Verbote während des ersten Weltkrieges, die nach verlorenen Schlachten erlassen wurden. Nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurden diese Verbote nach und nach ausgeweitet, erst nach Stalingrad würde aus Respekt vor den Gefallenen ein generelles Tanzverbot verhängt, in Wirklichkeit vor allem um die Umtriebe der renitenten Jazz-Szene im Keim zu ersticken. So fand das Verbot von Tanzveranstaltungen seinen Weg in die Gesetzgebung und schließlich auch in das Feiertagsgesetz, das die Nazis zum “Schutz der Volksgesundheit” viel schärfer ausformulierten als in anderen europäischen Staaten.

Ähnlich wie die Drogengesetzgebung wurde auch das Feiertagsgesetz nach dem Krieg weitestgehend übernommen, und die konservativen Regierungen in den Folgejahren hielten auch in dieser Hinsicht ihren faschistischen Vorgängern die Treue.

Heute haben sich viele der Voraussetzungen ins Gegenteil verkehrt: Soziologen berichten nicht nur im Hinblick auf digitale Welten von einer zunehmenden Vereinzelung der Lebenswelten. Die Jugend unterscheidet außerdem ganz selbstverständlich zwischen Party-Gastronomie und Clubkultur, meistens ohne sich dem einen oder anderen exklusiv zu verschreiben. Clubkultur ist außerdem vielleicht das Gegenteil dessen, was Tanzveranstaltungen in der guten alten Zeit wahren, und womöglich auch der Erlebnisraum, der die Funktionen von Gottesdiensten heute übernimmt: Gemeinschaftsgefühl, transzendentale Erfahrungen, Inszenierung von Nächstenliebe und Zusammengehörigkeit, kollektives Musikerleben, Wochenabschluss-Ritual, Ort für soziale Repräsentation und Prestigekonsum. Im Gegensatz zur Party-Gastronomie schafft die Clubkultur heute soziale Räume, in denen die Anbahnung von sexuellen Handlungen keine größere Rolle spielt als in der Straßenbahn oder im Gottesdienst. Höchstens in der schwulen Subkultur hat sich die sexuelle Funktion in vergleichbarer Form erhalten. Das Tanzverbot und seine Verteidigung durch konservativ-kirchlich geprägte Kreise kann also nur noch als Versuch verstanden werden, den Siegeszug eines überlegenen Konkurrenzprodukts zur konfessionell ausgeübten Religion zu verlangsamen.

Festivals: Jedes Jahr ein neues Leben

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Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Artikel, den ich vor einigen Wochen für das Magazin “Kalle” geschrieben habe. Er handelt von der Bedeutung von Festivals für das Leben und erzählt von einigen wenigen Stationen meiner selbst für mich unübersichtlichen Festivalbiographie.

Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um die ideale Position für das Zelt zu bestimmen. Weit genug weg von den Dixies, damit man nichts riecht. Aber mit einer Sichtachse, damit man den Reinigungstrupp als erstes bemerkt und sich ab und zu in einem jungfräulichen Scheißhäuschen erleichtern kann. Bloß nicht direkt an den Besucherströmen oder gar am Rückweg vom Festivalgelände, dem sogennanten Urinoco. Und vor allem, um Himmels Willen, niemals neben Jungs, die Lautsprecher wichtiger finden als ein vernünftiges Vorzelt.

Warum tun wir uns das alles eigentlich an? Jeder Festivalbesuch kostet nicht nur eine Stange Geld und jede Menge Nerven, sondern vermutlich auch ein paar Prozent Hörleistung und Lebenserwartung. Dafür darf man ein paar Tage lang im Dreck leben, wenig bis gar nicht und, wenn doch, sauschlecht schlafen, bei der einen Lieblingsband in tausende Handydisplays starren und die anderen jeweils zur Hälfte verpassen.

Aber ohne Chaos und mit mehr Komfort würde das ganze überhaupt nicht funktionieren. Denn alle Besucher sind dem Wetter, dem Schmutz und den euphorischen Höhenflügen gemeinsam ausgesetzt und verschmelzen spätestens ab dem zweiten Festivaltag zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, die Freud und Leid, Essen, Bier, Körperflüssigkeiten und Horrortrips brüderlich teilt. In dieser Utopie auf Zeit darf sich jeder frei von seiner Herkunft und Vorgeschichte neu erfinden, sich ausprobieren, an seine Grenzen gehen. Und wenn das Wochenende überstanden ist, nehmen wir nur so viel davon mit nach Hause, wie wir tragen können und wollen.

Mein erster Festivalbesuch war ein einziger Anfängerfehler. Mit einer Gruppe von musikbegeisterten Jungs hatte ich mich zu Beginn der Nullerjahre durch Konzertbesuche immer weiter nach Norden vorgestastet, wo damals unserer Meinung nach die Musik spielte. Nach weitgehend unbeschadeten Ausflügen zur Batschkapp in Frankfurt, dem Schlachthof in Wiesbaden und dem E-Werk in Köln war es soweit, wir hatten einen Flyer des Festivals mit dem klangvollen Namen “Bizarre” studiert und die die lange Reise ins unentdeckte Land der niederrheinischen Provinz erschien uns angesicht der Bands gar nicht mehr so lange.

Fabian, der heute als Diplom-Betriebswirt in Australien wirkt und auf seinem Facebook-Profilbild eine grotesk überdimensionierte Sonnenbrille in den Landesfarben seiner Wahlheimat trägt, war damals stolzer Besitzer eines weißen VW-Transporters. Transportiert wurden in diesem Fall ungefähr sechs betont schäbig gekleidete Trunkenbolde, drei Zelte, gefühlt eine Palette Dosenbier und natürlich ein ausreichender Vorrat der mittlerweile sprichwörtlichen Ravioli. Ich kann mich an fast nichts erinnern.

Eine einsame, filmhafte Erinnerung in meinem Kopf zeigt mich, wie ich in der Schlange zur Autogrammstunde der Band “Jimmy Eat World” stehe. Meine erste Freundin durfte damals nicht mit. Ich war der festen Überzeugung, dass ihr diese Band etwas bedeutete und kaufte eine CD, um sie signieren zu lassen. “See you later on stage”, sagte ich noch lässig zum Sänger, von dem ich vermutete, dass er Jimmy hieß. Jimmy nickte freundlich, aber irgendetwas an seiner Miene beunruhigte mich. Hatte ich etwas falsches gesagt? Befürchtete er nun, ich würde bei seinem Auftritt auf die Bühne kommen, weil wir uns so gut verstanden hatten bei der Autogrammstunde? “Hi Jimmy, it’s me. We met at the autograph session, remember?”

Beim Konzert stand ich dann ziemlich weit vorne und fand, dass er schlecht sang. Das Mitbringsel war schließlich ein echter Reinfall, sie mochte die Band nicht besonders, hasste das neue Album und fand Autogramme allgemein “schwachsinnig”. Ich war natürlich ein bisschen gekränkt, aber im Nachhinein muss ich zugeben, dass sie in allen Punkten recht hatte, wie bei so vielem. Ein paar Wochen später machte sie Schluss.

Den kompletten Text, einen Guide mit meinen Tipps für die Festivalsaison und viele weitere Artikel zum Thema könnt ihr ab sofort in Printform im Kalle studieren. Das Heft gibt’s im Karlstorbahnhof und überall in Mannheim und Heidelberg, wo diese praktischen Ständer von Fahrwerk im Weg herumstehen!

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