Erasmo Carlos – Carlos, Erasmo (1971)

VÖ: 1971
Klingt fast ein bisschen wie: The Faces, The Young Rascals, The Zombies
Passt gut zu: Frühlingsluft, Zimmerpflanzen, Orangensaft

Es ist immer naheliegend, brasilianische Künstler mit anderen brasilianischen Künstlern zu vergleichen. In unseren Ohren klingt eben alles ein bisschen wie The Girl from Ipanema. Erasmo Carlos ist aber ein schönes Beispiel dafür, dass es in Brasilien jenseits der ganzen Klischees ein ganzes Popmusik-Universum zu entdecken gibt. In diesem Fall sorgen fast nur noch die portugiesische Sprache, die typische Produktion mit reichlich Hall und vor allem die exzessiv eingesetzten Streicher und Bläser für Lokalkolorit. Ansonsten zauberte Carlos Erasmo ein typisch amerikanisches und außerdem sehr gutes 70s-Album voller gelungener Ausflüge in Richtung Soul, Jazz, Folk und sogar Country. Das hört sich vielleicht auf den ersten Blick alles etwas seltsam oder sogar unpassend an, ist aber unterm Strich äußerst hörenswert und macht vor allem richtig gute Laune.

Hall & Oates – Abandoned Luncheonette (1973)

VÖ: 3.11.1973 auf Atlantic
Klingt fast ein bisschen wie: Blood, Sweat & Tears, The Faces, Pink Floyd
Passt gut zu: Samstagmorgen, Kaffeeduft, Apfelkuchen 

Daryl Hall & John Oates sind allgemein eher für ihre späteren Hits wie Kiss on my list, Out of touch und Maneater und die entsprechend kitschige Produktion bekannt. Umso überraschender ist, was sie auf ihren früheren Alben und besonders auf diesem hier abziehen. 1973 agierten die beiden als Doppelspitze einer perfekt eingespielten Band in klassischer Besetzung und hatten bereits ein zuverlässiges Näschen für Ohrwürmer an der Schnittstelle zwischen Rock, Soul und Pop. Aber wo sie später alles auf den Refrain ausrichten, nehmen sie hier fast überall lohnenswerte Umwege in Richtung Lagerfeuer, Blueskneipe oder sogar in die unendlichen Weiten des Psychedelic Rock.

Aus heutiger Sicht eröffnet uns diese extrem facettenreiche Platte ein Fenster in ein kommerzielles Hitlabor in seiner kreativen Frühphase. Damit steht es emblematisch für die Entwicklung der Musikindustrie in einer Phase, als der wilde Westen schon vorbei war, die fortschreitende Professionalisierung aber noch nicht in die Serienproduktion von Musikgütern umgeschlagen hatte. Schade, dass die zwei diesen Prozess später so radikal mitgemacht oder sogar mitgestaltet haben und dann relativ sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden sind.

 

Squeeze – Argybargy (1980)

VÖ: Februar 1980
Namedropping: Television, The DB’s, The Kinks, The Shins
Passt gut zu: Dosenbier, Dielenboden und Donnerstagabend

Squeeze vereinigen auf ihrem dritten Album so viele Merkmale der 60er, 70er und 80er, dass sie fast wie eine der typisch unspezifischen Retrobands von heute klingen. Aber nur fast, denn einerseits gibt es hier eine einzigartige Dichte von großen Songs und andererseits atmet das Album von vorne bis hinten den Zeitgeist der postindustriellen Depression im Königreich. Mit Jools Holland (!) an den Keys erschaffen die Jungs scharf gezeichnete Charaktere und erzählen Geschichten, die scheinbar mühelos mit musikalischen Stilmitteln aus drei Jahrzehnten inszeniert werden. Eine der wenigen Platten, die man monatelang studieren oder auch einfach mal nebenher durchhören kann.