Holly Macve – Golden Eagle (2017)

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VÖ: 3.3.2017 auf Bella Union
Klingt fast ein bisschen wie: Julia Jacklin, Lana del Rey, Marla
Passt gut zu: Sonnenuntergang, Whisky, Zigaretten

Holly Macve kommt aus Irland, lebt in England, sieht superstarmäßig aus und ist erst 21. Glaubt man ihren zahlreichen Kritikern, darf sie deshalb keine düsteren Countryballaden schreiben. Das können ja bekanntlich nur alte, hässliche Männer aus der amerikanischen Provinz. Tatsächlich fällt Golden Eagle durch, wenn man es an den großen Klassikern des Genres misst, welches Album würde das nicht. Aber derartige Vergleiche verkennen, dass Holly Macve offensichtlich nicht der neue Johnny Cash sein will, sondern einfach melancholischen, nostalgischen Pop mit einem dezidierten Western-Thema macht. Wer sich auf diese Sichtweise einlässt, darf eintreten in eine sepiafarbene Welt mit einer unglaublich dichten Atmosphäre und großartig erzählten Geschichten über Geisterstädte, Tumbleweeds, Outlaws und gebrochenen Herzen.

Erasmo Carlos – Carlos, Erasmo (1971)

VÖ: 1971
Klingt fast ein bisschen wie: The Faces, The Young Rascals, The Zombies
Passt gut zu: Frühlingsluft, Zimmerpflanzen, Orangensaft

Es ist immer naheliegend, brasilianische Künstler mit anderen brasilianischen Künstlern zu vergleichen. In unseren Ohren klingt eben alles ein bisschen wie The Girl from Ipanema. Erasmo Carlos ist aber ein schönes Beispiel dafür, dass es in Brasilien jenseits der ganzen Klischees ein ganzes Popmusik-Universum zu entdecken gibt. In diesem Fall sorgen fast nur noch die portugiesische Sprache, die typische Produktion mit reichlich Hall und vor allem die exzessiv eingesetzten Streicher und Bläser für Lokalkolorit. Ansonsten zauberte Carlos Erasmo ein typisch amerikanisches und außerdem sehr gutes 70s-Album voller gelungener Ausflüge in Richtung Soul, Jazz, Folk und sogar Country. Das hört sich vielleicht auf den ersten Blick alles etwas seltsam oder sogar unpassend an, ist aber unterm Strich äußerst hörenswert und macht vor allem richtig gute Laune.

Sacred Paws – Strike a match (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Rock Action
Klingt fast ein bisschen wie: tUnE-yArDs, Vampire Weekend, Hot Club de Paris
Passt gut zu: Fahrradfahren, Urlaub, Wassereis

Die zwei Mädels von Sacred Paws haben eine rührende Bandgeschichte: Nachdem sich ihre gemeinsame Band Golden Grrrls aufgelöst hatte, verschlug es Einidh von London nach Glasgow. Um sich nicht aus den Augen zu verlieren, verabredeten sie sich regelmäßig zu gemeinsamen Jams, aus denen dann das neue Projekt Sacred Paws hervorgegangen ist. 

Die besondere Harmonie und Spannung zwischen den beiden hört man auf ihrem ersten Album nicht nur in den verspielten Gitarrendialogen, sondern auch in dem sehr lebendig umeinander kreisenden zweistimmigen Gesang ist und der gemeinsam erzeugten  Polyrhythmik. Das klingt bewusst alles ein bisschen nach Afrika und passt wunderbar zu der Freundschaftsthematik, die übrigens auch in den Texten Ausdruck findet. Wer ausnahmsweise mal erfrischenden Gitarrenpop ganz ohne lästige Lovesongs hören will, ist hier jedenfalls verdammt gut bedient.

Julie Byrne – Not even Happiness (2017)

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VÖ: 13.1.2017 auf Ba Da Bing
Klingt fast ein bisschen wie: Joni Mitchell, Jessica Pratt, Joan Shelley
Passt gut zu: Morgensonne, Auenland, Frühstückstisch

Auf ihrem ersten offiziellen Album zeigt Julie Byrne, dass sie nicht nur eine begnadete Gitarristin und Sängerin ist, sondern auch eine der vielversprechendsten Songschmiedinnen in ihrem Alter. Man sollte sich nicht von dem auf den ersten Blick fast zu ungetrübten Wohlklang täuschen lassen, denn zwischen ihren sanft gehauchten Zeilen und schwebend gezupften Akkorden lauern auch immer wieder Untiefen. Und obwohl Julie klar erkennbar verwurzelt ist in der amerikanischen Folktradition, klingt sie nie altmodisch oder reaktionär. Wer mal wieder Lust hat auf eine tiefenentspannte Platte, die fast komplett ohne Schlagzeug auskommt, ist hier goldrichtig.

Fancey – Love Mirage (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Stoner Disco
Klingt fast ein bisschen wie: Pablo Cruise, Hall & Oates, Bee Gees
Passt gut zu: Feierabend, Stau auf der A656, Grape Soda

Todd Fancey, bisher vor allem bekannt als Gitarrist von The New Pornographers, nimmt sich selbst offenbar nicht allzu ernst. Seine Musik ist so überzuckert mit Falsett-Chören, Streichern und Bläsersätzen, dass diese Hommage an die goldenen Zeiten des FM Pop über weite Strecken fast wie eine Parodie wirkt. Alles klingt irgendwie bekannt und vertraut, so als hätte man die Songs als Kind ab und zu im Autoradio gehört und irgendwann vergessen. Spätestens, wenn die unvermeidliche Melodica zu einem ihrer zahlreichen Zwischenspiele ansetzt, fühlt man sich in den Vorspann der nächstbesten amerikanischen Familienserie versetzt. Das könnte alles auch ziemlich nervig sein, aber dank der abwechslungsreichen und handwerklich extrem guten Songs geht es irgendwie gut. Eine Platte, die im richtigen Moment extrem flüssig durchläuft und einfach nur Spaß macht.

Sampha – Process (2017)

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VÖ: 2.2.2017 auf Young Turks
Klingt fast ein bisschen wie: Chet Faker, Jamie Woon, James Blake
Passt gut zu: Vollmondnacht, Schlaflosigkeit, Bitterschokolade

Samphas Debüt ist bis jetzt der heißeste Kandidat für das Album des Jahres 2017. Das ist gar nicht unbedingt als Qualitätsurteil gemeint, sondern als Hinweis auf den überraschenden Hype um ein Stück Musik, das aufgrund seiner grenzenlosen Düsternis und Intimität emotional nicht einfach zu ertragen ist. Sampha lässt uns nicht einfach nur nahe heran an seine Beklommenheit im Angesicht der feindlichen Außenwelt, seine hypnotische Stimme hält uns ganz fest und zwingt uns zur Konfrontation mit seinem Innersten.

Mit seinem Bekenntnis zur Verzweiflung trifft er einen Nerv dieser Zeit, in der viele junge Menschen aufgerieben werden zwischen ihrer inneren Unruhe und den Erwartungen, die von außen auf sie einprasseln. Der reflexhafte Rückzug ins Private entwickelt sich bei vielen leider zu einer selbstgewählten Gefangenschaft in den eigenen vier Wänden. Der Teufelskreis aus Prokrastination, Verdrängung und Einsamkeit entwickelt einen Sog, der in seiner harmlosen Form mit dem überschaubaren Ausmaß von einigen Stunden, Tagen oder Wochen fast jedem bekannt sein dürfte. Bei Sampha war es ein jahrelanger Kampf mit sich selbst, der ihn unter anderem von der Veröffentlichung seines ersten Albums trennte. Auf Process, wie das Debüt schlicht und vielsagend betitelt wurde, erzählt er uns aber nicht nur von den Schattenseiten dieser Jahre, sondern lässt uns auch die Aufarbeitung miterleben und zeigt womöglich sogar den Ausweg durch Selbstüberwindung.

Der musikalische Rahmen dieser Auseinandersetzung ist die Ästhetik der Bedroom-Produzenten, deren implizite Bedeutung Sampha gewissermaßen beim Wort nimmt. Denn während die faszinierenden elektronischen Klänge anderswo oft in gehöriger Distanz an unseren Ohren vorbeiplätschern, erscheinen sie hier zum Greifen nah, erschreckend lebendig, undurchdringlich dicht und manchmal meterhoch aufgetürmt. So entsteht eine bedrückend enge Kulisse für einen gesungenen Monolog, der virtuos mit Klangfarben und Tonlagen spielt. Doch in der Stimme liegt auch eine Brüchigkeit, die oft einen kurz bevorstehenden Ausbruch von Tränen oder manchmal auch Wut befürchten lässt. Dass die Spannung sich musikalisch niemals entlädt oder auflöst, sondern immer nur langsam hoch- und runterschraubt, illustriert einerseits die fatale Endlosschleife im Kopf und schafft andererseits unglaublich viel Raum, in dem die bittersüßen Songfragmente freischwebend entstehen und vergehen können.

Nachdem ich das Album ungefähr drei mal in Folge staunend angehört hatte, war ich hin- und hergerissen zwischen stiller Freude über die bizarre Schönheit der Musik und Bestürzung über die abgrundtiefe Traurigkeit, die aus ihr spricht. Und auch mit ein paar Tagen Abstand ist mir im Moment nicht unbedingt danach, mich der ganzen Sache so bald erneut auszusetzen, darauf warte ich lieber ein paar Wochen oder sogar Monate. Bis dahin wird man vielleicht auch ein Gefühl dafür bekommen, ob Process “nur” ein geniales Schlaglicht auf die neue Innerlichkeit unserer Zeit ist oder gar die Geburtsstunde einer neuen Musikrichtung. In jedem Fall ist dieses Album einer der bisher gelungensten Entwürfe, die Ausdrucksziele von avancierter Popmusik mit der Funktionsweise von elektronischer Musik in einer bedeutsamen Form zusammenzubringen.

Ten Fé – Hit the light (2017)

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VÖ: 27.1.2017 auf Some Kinda Love
Klingt fast ein bisschen wie: Future Islands, The Cure, The War on Drugs
Passt gut zu: Autobahn, Sonnenbrille, Coladose

Das lange erwartete Debüt-Album des britischen Duos Ten Fé ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Es ist nicht leicht, das Feeling von klassischer Rockmusik mit einer dezidierten Synthiepop-Ästhetik zu verbinden, deshalb lohnt es sich auf jeden Fall, ein bisschen genauer hinzuhören. Einerseits ist die Platte insgesamt eine verdammt solide Angelegenheit und beeindruckt mit einer dichten Atmosphäre, viel Liebe zum Detail und vielen guten Songs. Andererseits fällt es im Vergleich zu den großen Vorbildern, denen hier ziemlich offensichtlich nachgeeifert wird, erwartungsgemäß ein bisschen ab. Unterm Strich finde ich das Ganze aber durchaus empfehlenswert, auch weil die Jungs das Schicksal vieler wirklich guter Musiker teilen und zu Unrecht ein bisschen durch das Raster fallen. Für wirklich ambitionierte Musikhörer, die sich unter einem Album ein Gesamtkunstwerk mit musikalischem, textlichem und konzeptionellem Mehrwert vorstellen, ist es einfach ein bisschen zu flach und kitschig. Dagegen vermisst der Ottonormalverbraucher wahrscheinlich sowohl die Hits als auch die Leichtigkeit. Wer aber wie ich manchmal anspruchsvolle, aber leicht zugängliche Musik einfach laufen lassen will und offen ist für ein gleichberechtigtes Miteinander von Gitarren und Keyboards, findet hier eine potentielle Lieblingsplatte.