Entrance – Book of Changes (2017)

book-of-changes-b-iext47494330

VÖ: 24.2.2017 auf Thrill Jockey
Klingt fast ein bisschen wie: Nick Cave, Leonard Cohen, Ryley Walker
Passt gut zu: Sonntagabend, Schaukelstuhl, Rotwein

Guy Blakeslee war schon immer der uneingeschränkte Kopf von The Entrance Band. Im vergangenen Jahr trennte er sich von seinen langjährigen Mitstreitern, um als Entrance sein ganz eigenes Ding zu machen. Konsequent, dass er auch die ziemlich rockige Herangehensweise der Band hinter sich gelassen hat und ab sofort als Singer/Songwriter agiert. Während seine enorme Kreativität bisher ein bisschen im Geschrammel unterging, kommt nun seine Gabe als Geschichtenerzähler und Barde voll zur Geltung. Book of Changes ist sicher nicht das originellste Album aller Zeiten, denn auch der Rückgriff auf die aufwändigen Arrangements aus der goldenen Zeit des Songwriter-Pops ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Aber es ist ein sehr gutes Exemplar einer Gattung, von der es eigentlich gar nicht genug geben kann.

Dirty Projectors – Dirty Projectors (2017)

VÖ: 24.2.2017 auf Domino
Klingt fast ein bisschen wie: Bon Iver, James Blake, Jamie Woon
Passt gut zu: Kopfhörern, ÖPNV, Aufbruchsstimmung

Fast ein Jahrzehnt lang funktionierte das Paar Amber Coffman und David Longstreth als Dirty Projectors wie ein gut eingespieltes Team. Der privaten Trennung folgte nun die berufliche, denn ab sofort trägt David die Bürde dieses Namens alleine mit sich herum. Dass ausgerechnet das unvermeidliche Breakup-Album selbstbetitelt wurde, eröffnet vorsichtig ausgedrückt ziemlich viel Spielraum für Spekulationen über ein nicht allzu freundschaftliches Ende der Zusammenarbeit.

Das Wesentliche ist aber immer noch, was die Musik sagt. Und da lässt David durchblicken, für welche Aspekte des vielschichtigen Bandschaffens er in der gemeinsamen Zeit wohl verantwortlich war. Denn so wie das epochale Album Bitte Orca (2009) vielen Bands eine ganze Palette von Wegen zeigte, die experimentellen Errungenschaften der 00er Jahre wieder in den Dienst der Songs zu stellen, so werden hier in neun Tracks neun Türen in die andere Richtung aufgemacht. Die typischen akustischen Klänge sucht man ebenso wie Refrains weitgehend vergeblich, dafür glänzt das Album mit kompositorisch-konzeptioneller Arbeit vom Feinsten und akribischen Studiobasteleien aus der digitalen Spielecke.

So richtig Bescheid über die Rollenverteilung bei den früheren Alben der Dirty Projectors wissen wir natürlich erst, wenn Amber auch mit eigener Musik um die Ecke kommt, so wie man anhand der Soloplatten von McCartney, Lennon und Harrison eine ganze Menge über die Arbeitsweise der Beatles erfahren konnte. Bis dahin hat David sein anspruchsvolles Publikum aber ganz gut mit Herausforderungen versorgt.

Hall & Oates – Abandoned Luncheonette (1973)

VÖ: 3.11.1973 auf Atlantic
Klingt fast ein bisschen wie: Blood, Sweat & Tears, The Faces, Pink Floyd
Passt gut zu: Samstagmorgen, Kaffeeduft, Apfelkuchen 

Daryl Hall & John Oates sind allgemein eher für ihre späteren Hits wie Kiss on my list, Out of touch und Maneater und die entsprechend kitschige Produktion bekannt. Umso überraschender ist, was sie auf ihren früheren Alben und besonders auf diesem hier abziehen. 1973 agierten die beiden als Doppelspitze einer perfekt eingespielten Band in klassischer Besetzung und hatten bereits ein zuverlässiges Näschen für Ohrwürmer an der Schnittstelle zwischen Rock, Soul und Pop. Aber wo sie später alles auf den Refrain ausrichten, nehmen sie hier fast überall lohnenswerte Umwege in Richtung Lagerfeuer, Blueskneipe oder sogar in die unendlichen Weiten des Psychedelic Rock.

Aus heutiger Sicht eröffnet uns diese extrem facettenreiche Platte ein Fenster in ein kommerzielles Hitlabor in seiner kreativen Frühphase. Damit steht es emblematisch für die Entwicklung der Musikindustrie in einer Phase, als der wilde Westen schon vorbei war, die fortschreitende Professionalisierung aber noch nicht in die Serienproduktion von Musikgütern umgeschlagen hatte. Schade, dass die zwei diesen Prozess später so radikal mitgemacht oder sogar mitgestaltet haben und dann relativ sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden sind.

 

The Dig – Bloodshot Tokyo (2017)

VÖ: 3.2.2017 auf Roll Call
Namedropping: Air, Metronomy, Pacific!
Passt gut zu: Cabrios, Longdrinks, Feierabend

Nachdem Synthiepop und Indie Electronic in den 00ern allgegenwärtig waren, fristete der Genrekomplex zuletzt eher ein Schattendasein. Das liegt aber wahrscheinlich nur teilweise am Zeitgeist und mitunter auch daran, dass es vielen Bands nicht gelingt, innerhalb des stilistischen Rahmens noch relevante und vor allem überraschende Dinge zu tun. The Dig haben sich ein paar Jahre mit EPs durchgewurschtelt und jetzt endlich ein substantielles Album hinbekommen. Der Aufwand hat sich jedenfalls gelohnt, denn so viel gutes Material hat man in diesem Bereich schon lange nicht mehr auf einer Scheibe erlebt. Vor allem überzeugt der durchdachte Einsatz von elektronischen Klängen im Kontext von Songstrukturen, die auch in einer rein handgemachten Version funktioniert würden. The Dig finden genau die richtige Dosis, damit die Synthies nicht einfach alles zukleistern, sondern den Bandsound intelligent ergänzen.

Squeeze – Argybargy (1980)

VÖ: Februar 1980
Namedropping: Television, The DB’s, The Kinks, The Shins
Passt gut zu: Dosenbier, Dielenboden und Donnerstagabend

Squeeze vereinigen auf ihrem dritten Album so viele Merkmale der 60er, 70er und 80er, dass sie fast wie eine der typisch unspezifischen Retrobands von heute klingen. Aber nur fast, denn einerseits gibt es hier eine einzigartige Dichte von großen Songs und andererseits atmet das Album von vorne bis hinten den Zeitgeist der postindustriellen Depression im Königreich. Mit Jools Holland (!) an den Keys erschaffen die Jungs scharf gezeichnete Charaktere und erzählen Geschichten, die scheinbar mühelos mit musikalischen Stilmitteln aus drei Jahrzehnten inszeniert werden. Eine der wenigen Platten, die man monatelang studieren oder auch einfach mal nebenher durchhören kann.

Twain – Life Labors in the Choir (2014)

VÖ: 11.3.2014 (Ohne Label)
Namedropping: Tim Buckley, Van Morrison, Mickey Newbury, Gram Parsons

Passt gut zu: Kopfkino, Fernweh, Tagträumen

Nachdem er ein paar Jahre als Multi-Instrumentalist bei der Indie-Folk-Band The Low Anthem vor sich hingedümpelt hatte, setzte sich Twain auf seinen Hosenboden und schrieb aus dem Nichts ein heimliches Meisterwerk, das nie bei einem Label erschien oder von irgendwelchen Medien berücksichtigt wurde. Die erste, auf eigene Kosten gepresste Edition von 300 Exemplaren war aber auf Bandcamp nach kurzer Zeit ausverkauft. Kein Wunder, denn hier gibt es nicht nur geniales Songwriting und bestechend geschmackvolle Arrangements, sondern eben auch eine herzergreifende Performance und vor allem ganz viel Seele. Eine ganz besondere Platte von einem ganz besonderen Künstler, die so langsam die Aufmerksamkeit bekommt, die sie schon seit drei Jahren verdient.

Achtung, Re-Release: Der Pre-Sale zur extrem begehrten zweiten Auflage erscheint am Donnerstag, den 23.2.2017. Unbedingt gleich hier vorbestellen!

Homeshake – Fresh Air (2017)

VÖ 3.2.2017 auf Captured Tracks / Sinderlyn
Namedropping: Prince, Toro y moi, Silk Rhodes
Passt gut zu: Verkaterten Nachmittagen im Bett mit optionalem Schäferstündchen

Als Gitarrist von Mac DeMarco bei einem Album hat Peter Sagar wahrscheinlich anteilig mehr Platten verkauft als in seiner ganzen Solokarriere zusammen. Das ist irgendwie verständlich, aber auch extrem schade. Denn die Musik von Homeshake ist nicht nur verspult bis visionär, sondern nach einer kurzen Eingewöhnungsphase auch wahnsinnig schön, entspannend und inspirierend. Nachdem Peter sich auf Midnight Snack (2015) mit den Freuden der nächtlichen Zwischenmahlzeit widmete, scheint beim neuen Album deutlich mehr Tageslicht durch die luftigen Gebilde aus R&B-Beats, verstreuten Gitarrenakkorden und ausgedehnten Melodiebögen.