Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste

Wie aus dem Nichts kam Henry Jamison 2016 mit ein paar einzelnen Songs um die Ecke. Gerade mal ein Jahr später bringt er als Debüt ein beeindruckendes Konzeptalbum, das an die amerikanische Tradition des musikalischen Storytellings anknüpft.

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27.10.2017 – Akira Records

Henry Jamison ist jünger, als er aussieht. Die einzelnen Songs, die im Vorfeld seines Debütalbums erschienen sind, klingen in europäischen Ohren auch teilweise noch ein bisschen nach den Soundtracks von amerikanischen Teeniefilmen um die Jahrtausendwende. Das liegt natürlich vor allem daran, dass auch diese sich auf die amerikanische Tradition des Storytellings und einen folkigen Grundsound beziehen. Doch selbst bei der poppigsten Single fällt Jamisons einzigartige Gabe auf, Sprach- und Alltagsphänomene unserer Zeit in seine Texte einfließen zu lassen, ohne sich an den Zeitgeist anzubiedern. Er schildert Dinge wie die Einsamkeit im Licht der “Flatscreens” in einer Sportsbar oder die Dramatik eines fast leeren Akkus mit der gleichen poetischen Intensität, mit der die Songwriter der 60er von Autos, Kühlschränken und dem Radio sangen.

Auf Albumlänge wird aber deutlich, dass Henry Jamison etwas viel größeres vorhat, als ein Update der Sprache, die in akustisch geprägter Popmusik Verwendung findet. Die Songs setzen sich nämlich wie die Kapitel eines Romans zu einer fortlaufenden Story zusammen, und nur die vermeintlich romantischen Momente werden mit einer wohldosierten Portion Americana-Kitsch bestrichen. Im Kontext von abgründigen Folkballaden und nostalgischem Countryrock wirkt das aber eher entlarvend als affirmativ. Wer den literarischen Aspekt von Popmusik zu schätzen weiß, findet hier ein überraschend ausgereiftes Gesamtkunstwerk, das aus einer zeitgemäßen Perspektive an Größen wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Paul Simon anknüpft.

The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)

Drei Jahre nach dem epochalen “Lost in the dream” sind die Erwartungen für die langerwartete vierte Platte extrem hoch. Aber The War on Drugs lassen nichts anbrennen und liefern einen in jeder Hinsicht adäquaten Nachfolger ab, der auch überraschende Seiten hat.

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VÖ: 25.8.2017 auf Atlantic Records
Referenzen: Bruce Springsteen, Dire Straits, Tom Petty
Stichworte: Abends / Sonne / Bier / Freunde

Es gab durchaus Grund zur Sorge, dass The War on Drugs nach dem Erfolgsalbum Lost in the dream und dem unvermeidlichen Wechsel zu einem Major Label beim Sound und vor allem der Länge der Songs Kompromisse machen müssen. Die Erleichterung war deutlich zu spüren, als jeder der vorab online veröffentlichten Songs das herkömmliche Radioformat um ein vielfaches überschritt und keineswegs auf das für die Band typische, minutenlange atmosphärische Wabern von Gitarrenechos und Synthieflächen verzichtete. Keine böse Überraschung also, und man darf Mastermind Adam Granduciel durchaus dazu gratulieren, dass er sich auch noch für die nächste Platte vertraglich die alleinige künstlerische Entscheidungsgewalt hat zusichern lassen. Nach weit über zehn Jahren mäßig erfolgreicher, aber immer mit vollem Herzen ausgeübter Tätigkeit als Rockmusiker mit sinnlosen Nebenjobs in schäbigen Bars hat er es mehr als jeder andere verdient, für ein paar Jahre anständig allein dafür bezahlt zu werden, dass er zwei Jahre im Studio Musik macht und das Ergebnis zur Veröffentlichung freigibt.

Und so ist das einzige Zugeständnis an die Welt der Major Labels, dass fünf der zehn Songs schon vor dem eigentlichen Album-Release online gestreamt werden konnten. Mir persönlich hätten drei Songs gereicht, um die nötige Vorfreude zu entwickeln und mich auf ein zusammenhängendes Hörerlebnis am Erscheinungstag zu freuen. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, denn Plattenverträge können bekanntlich weitaus desaströsere Auswirkungen haben. Mit dem ersten offiziellen Video Holding On stellten The War on Drugs jedenfalls klar, dass sie musikalisch noch die alten sind. Mal wieder ist der Titel Programm, die refrainartig wiederkehrende Zeile Keep keepin’ on illustriert, worum es Adam und seinen Freunden geht: Weitermachen, zurechtkommen, sich selbst treu bleiben. Und da deutet sich auch schon an, dass nach der stellenweise desolaten Melancholie des Vorgängers nun auch versöhnlichere Klänge möglich sind.

Der optimistischere Blick auf das eigene Schicksal ist natürlich auch den veränderten Lebensumständen der Musiker geschuldet, die nach Jahrzehnten der prekären Lebensweise mit Anfang vierzig endlich mal durchatmen können. So etwas lässt sich nicht wegwischen und darf auch hörbar werden, solange es nicht in behäbige Selbstzufriedenheit ausartet. Natürlich werden einige Fans enttäuscht sein, vor allem diejenigen, die in der Band zuletzt vor allem verlässliche Freunde und Leidensgenossen in dunklen, einsamen Stunden gesehen haben.

Das Nirgendwo zwischen der klaustrophobischen Enge der Melancholie und den unendlichen Weiten des Klangs, in dem man sich zuvor verlieren konnte, löst sich auf A Deeper Understanding jedenfalls zunehmend auf. Das neue Zuhause der Band ist ein Rückzugsraum, in dem man sich durchaus wohlfühlen kann, der aber weder die Mühen seiner Erbauung noch die Spuren einer dunklen Vergangenheit verleugnet. Dementsprechend wurde die Palette an Sounds und Stimmungen nur behutsam erweitert. Dort, wo ein Saxophon, ein Glockenspiel oder ein balladeskes Vorspiel auf dem elektrischen Klavier uns beim ersten Hören noch fremdeln lässt, da ist das neue Element bei der zweiten Begegnung schon voll integriert in unsere Vorstellung dessen, was den Sound dieser Band ausmacht. Und spätestens ab dem dritten mal will man diese kleinen Schritte nicht mehr missen, ist man froh, dass es weitergeht.

Natürlich ist es fast unmöglich, nach einem epochalen Album gleich wieder für ein ähnliches Aha-Erlebnis zu sorgen. Ebenso schwierig ist es, an ein stimmungsvolles Album unmittelbar anzuknüpfen, ohne ein überflüssiges Sequel zu produzieren. The War on Drugs sind weise genug, einen unaufgeregten Mittelweg zu gehen und sich nicht von den äußeren Erwartungen beeinflussen zu lassen. Sie haben sich hingesetzt und ein Album aufgenommen, das zumindest so klingt als sei nichts gewesen. Das Ergebnis ist ein lebensfroher kleiner Bruder zu ihrem düsteren Meisterwerk und isoliert betrachtet immer noch eine fantastische Veröffentlichung, die allenfalls hinsichtlich ihrer popkulturellen Wirksamkeit hinter Lost in the dream zurückbleibt. A Deeper Understanding ist ein Album, das sehr vielen Menschen den Soundtrack zum nächsten Abschnitt ihres Lebens liefert und den Ruf von The War on Drugs als bedeutendste Rockband unserer Zeit weiter zementiert.

The War on Drugs – Lost in the dream (2014)

Mit ihrem dritten Album “Lost in the dream” schafften The War on Drugs 2014 den Sprung vom Geheimtipp zu einer international erfolgreichen Band. Verdientermaßen, denn die Platte ist nicht nur ihre bisher beste, sondern könnte sich sogar als Wendepunkt in der Entwicklung der Rockmusik herausstellen.

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VÖ: 17.3.2014 auf Secretly Canadian
Referenzen: Dire Straits, Bruce Springsteen, Tom Petty, Don Henley
Stichworte: Nachts / Regen / Whisky / Alleine

Nach dem Ausstieg von Quasi-Frontmann Kurt Vile, der kurze Zeit später mit einem großartigen Solo-Debüt durchstarten sollte, wurde es zunächst ruhig um die fast schon alteingesessene Band aus Philadelphia. Viele hatten The War on Drugs wohl schon abgeschrieben, als mit Lost in the dream das erste Album unter der Federführung des bis dato eher zweitrangigen Gitarristen Adam Granducziel erschien. Im Vergleich zu den vorangegangenen Produktionen setzte man auf einen teuren und perfektionistischen Vintage-Sound, der sich deutlich hörbar an den großen Hochglanzproduktionen des analogen Zeitalters orientiert. Zusammen mit einem Hauch Americana-Feeling, unzähligen verhallten Gitarren in gigantischen Echoschleifen und dem durchaus melodischen, aber eher sporadischen und meistens genuscheltem Gesang führten die weit über das Radioformat hinausgehenden Songs zu Vergleichen mit zahlreichen legendären Gestalten der Rockmusikgeschichte.

Das ist zunächst ein mal harter Tobak, aber tatsächlich sind diese Vergleiche mit unhippen grauen Eminenzen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von vielen noch als Kritik verstanden wurden, nicht zu hoch gegriffen. Im Gegenteil, die Qualitäten von The War on Drugs gehen weit über den virtuosen Rock-Klassizismus hinaus, der inzwischen viele Bands konkreten Vorbildern aus den 70ern nacheifern lässt. Hier werden die alten Muster nicht einfach kopiert und der Sound archäologisch nachgebildet, sondern in ein eindeutig im Heute verorteten Netz subjektiver Melancholie eingewoben. Lost in the dream ist deshalb ein außergewöhnlich passender Titel, weil er nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf kulturphänomenologischer Ebene die Identität dieses Albums reflektiert. The War on Drugs verlieren sich buchstäblich in den Echoräumen des amerikanischen Traums, und ihre künstlerische Beschäftigung mit diesem Gefühl ist nicht nur brandaktuell, sondern auch spartenübergreifend eine der intensivsten, gelungensten und auch schönsten Versuche überhaupt, dem mythischen Kern dieser tragischen Verfallsgeschichte beizukommen.

Eine weitere, vielleicht entscheidende Qualität dieser Platte ist wahrscheinlich auch die krachende Absage an die verwertungslogisch konzipierten Formate der heutigen Zeit. Es gibt von allen Liedern Maximalversionen mit ausufernden Intros und Outros, unübersichtlichen Übergängen und endlosen Instrumentalparts. So etwas trägt normalerweise leider nicht nur zur atmosphärischen Dichte des Albums bei, sondern schreckt oft auch einen Großteil der Radiomacher und Playlist-Kuratoren und damit indirekt auch viele Plattenkäufer ab. Normalerweise, denn The War on Drugs machen dieser Kalkulation einen fetten Strich durch die Rechnung und sammeln Abermillionen Streams und Radioplays sowie abertausende verkaufte physische Einheiten ein, vor allem auf Vinyl. Es geht also doch, man muss “nur” zehn gute Lieder machen, die inhaltliche Relevanz, Innovation und die Verbindung zu den Traditionsfeldern der Rockmusik miteinander in Einklang bringen, anstatt sie kurzerhand als Widerspruch zu brandmarken. Eigentlich ganz einfach zu verstehen, aber doch schwer umzusetzen in einer Industrie, die Musik seit Jahren vermarktet wie Scherzartikel: Hier schau mal, so etwas hast du noch nicht gesehen.

The War on Drugs knüpfen an die goldenen Zeiten der Rockmusik an, weil sie wie Großteile des Publikums eine intensive Auseinandersetzung mit diesen pflegen und von dieser gemeinsamen Basis aus nach vorne schauen. Ganz nebenbei leiten sie damit etwas ein, was sich hoffentlich in einigen Jahren nicht nur als kurzlebiger Trend, sondern als Renaissance des Albums herausstellen wird. Für mich als Musikhörer war die Begegnung mit dieser Platte nicht weniger als ein Erweckungserlebnis, das letztlich den Grundstein gelegt hat für meine Auseinandersetzung mit dem Albumformat und damit auch für diesen Blog. Unabhängig von meinem persönlichen Empfinden zögere ich außerdem nicht, Lost in the dream zu den wichtigsten Platten unserer Zeit und zu den besten Platten aller Zeiten zu zählen.

Wooden Wand – Clipper Ship (2017)

James Jackson Toth hat jahrelang mit verschiedenen Besetzungen experimentiert, bevor sein Folk-Projekt Wooden Wand 2014 so langsam Gestalt annahm. Nun hat er endlich einen Weg gefunden, seine unbändige Kreativität in den Dienst des Albumformats zu stellen.

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VÖ: 5.5.2017 auf Three Lobed
Klingt fast ein bisschen wie: Neil Young, Iron & Wine, Adam Torres
Passt gut zu: Abendrot, Schaukelstuhl, Pfeifenrauch

Wooden Wand ist ein Alptraum für jeden Musikjournalisten, denn die ständigen Umbenennungen, Besetzungswechsel und Kollaborationen machen es fast unmöglich, lesbar über die Projekthistorie zu schreiben. Mastermind James Jackson Toth bevorzugte es eben jahrelang, in Jazzer-Manier ein paar Musiker zu einer Session einzuladen und die improvisierten Ergebnisse zur großen Freude der Fans von Freak Folk und New Weird America in relativ kurzen Zeitabständen als Platte zu veröffentlichen. Ein Konzept, dass er mit dem deutlich strukturierteren 2014er Album Farmer’s Corner schon in Frage stellte und nun komplett über den Haufen warf.

Auf Clipper Ship geht der New Yorker nämlich den entscheidenden Schritt und legt seine bisher beste Veröffentlichung vor, nicht zuletzt dank drei Jahre harter Arbeit, viel Geduld und einem Gespür für den besonderen Reifungsprozess, den musikalisches Material oft erst entwickeln kann, wenn man es eine Weile ruhen lässt. Vor allem aber wird die fantastische Akustikgitarrenarbeit nicht wie früher von vermeintlich originellen Instrumenten und Schlagwerk zugekleistert, sondern nur punktuell mit Klangflächen im Hintergrund kontrastiert. Das Ergebnis klingt wahnsinnig rund und bringt endlich das große lyrische Talent Toths zum Vorschein, dessen Songs in dieser Form auch mit Klassikern des akustischen Folkrocks der 70er Jahre mithalten können. Ein Album, das auf ansteckende Weise in sich selbst ruht und eine urgemütliche Stimmung verbreitet.

Valerie June – The Order of Time (2017)

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VÖ: 10.3.2017 auf Concord
Klingt fast ein bisschen wie: Margo Price, Alabama Shakes, Rolling Stones (Sticky Fingers)
Passt gut zu: Schaukelstuhl, Veranda, Eistee

Manchmal kann ein erfolgreiches und von den Kritikern hochgelobtes Debütalbum auch eine schwere Bürde sein. 2013 kam Valerie June aus dem Nichts mit Pushin’ against a Stone um die Ecke und gewann damit nicht nur so ziemlich jeden Newcomer-Preis unterhalb des Grammys, sondern auch sehr viele Herzen, aber dann wurde es lange still um die gefeierte Newcomerin. Nun gibt es endlich das zweite Album der jungen Frau aus Tennessee, und auch dieses ist ein fantastisches Panoptikum der nordamerikanischen Volksmusik, wie es eigentlich nur in Memphis entstehen kann. Nicht zufällig hat Elvis dort, an der Schnittstelle des amerikanischen Heartlands, mit Zutaten aus den Appalachen, den Südstaaten und den Ebenen des mittleren Westens die Urformel der Popmusik gepanscht, die bis heute Bestand hat.

Valerie June sucht aber nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern das große Ganze in seiner unüberschaubaren Vielfalt. Sogar die Wurzeln der einzelnen Musikströme in afrikanischen, europäischen und uramerikanischen Traditionen bahnen sich hier und da ihren Weg ans Tageslicht, und Valerie schafft es mit ihrem enigmatischen Gesang, allen eine Stimme zu geben. Ein Album, so unfassbar weit und schrecklich schön wie die Prärie.

Entrance – Book of Changes (2017)

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VÖ: 24.2.2017 auf Thrill Jockey
Klingt fast ein bisschen wie: Nick Cave, Leonard Cohen, Ryley Walker
Passt gut zu: Sonntagabend, Schaukelstuhl, Rotwein

Guy Blakeslee war schon immer der uneingeschränkte Kopf von The Entrance Band. Im vergangenen Jahr trennte er sich von seinen langjährigen Mitstreitern, um als Entrance sein ganz eigenes Ding zu machen. Konsequent, dass er auch die ziemlich rockige Herangehensweise der Band hinter sich gelassen hat und ab sofort als Singer/Songwriter agiert. Während seine enorme Kreativität bisher ein bisschen im Geschrammel unterging, kommt nun seine Gabe als Geschichtenerzähler und Barde voll zur Geltung. Book of Changes ist sicher nicht das originellste Album aller Zeiten, denn auch der Rückgriff auf die aufwändigen Arrangements aus der goldenen Zeit des Songwriter-Pops ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Aber es ist ein sehr gutes Exemplar einer Gattung, von der es eigentlich gar nicht genug geben kann.

Ryan Adams – Prisoner (2017)

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VÖ: 17.2.2017 auf Blue Note / Virgin EMI
Klingt fast ein bisschen wie: Bruce Springsteen, The War on Drugs
Passt gut zu: Whiskey, Landstraße, Trennungsblues

Ryan Adams hat in den letzten zwanzig Jahren einen unglaublichen Output hingelegt. Leider ist ihm zuletzt ein bisschen die Luft ausgegangen, deshalb freue ich mich wirklich sehr, dass er mit seinem neuen Album wieder richtig in die Vollen geht. Obwohl er in den Songs seine Scheidung von Mandy Moore verarbeitet, wird hier unterm Strich vor allem eine extrem mitreißende Aufbruchsstimmung verbreitet. Euch erwartet eine grandiose Mischung aus Herzschmerz, zupackenden Gitarrenriffs und einem Vintage-Bandsound, den man selten gleichzeitig so fett und transparent bekommt.