Bedouine – Bedouine (2017)

Obwohl das Debüt von Bedouine eher sanfte Töne anschlägt, hat es auf Anhieb ein deutlich hörbares Medien-Echo erzeugt. Kein Wunder, denn hinter der Entdeckung der jungen Sängerin mit armenischen Wurzeln steckt eine fast unglaubliche Geschichte.

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VÖ: 26.6.2017 auf Spacebomb
Referenzen: Joni Mitchell, Laura Marling, Carly Simon, Jackson Browne
Stichworte: Nachts / Regen / Tee / Zu zweit

Ein bisschen Glück gehört oft auch bei einer Karriere in der Musikszene dazu. Azniv Korkejian aus LA wollte eigentlich nur ein altes Tonbandgerät kaufen, als sich plötzlich die Gelegenheit bot, als Sängerin durchzustarten. Der Verkäufer des Geräts war nämlich kein Geringerer als der Musikproduzent und Toningenieur Guy Seyffert, der schon mit Größen wie Norah Jones und Beck zusammengearbeitet hat. Von der Persönlichkeit der jungen Frau fasziniert, bat er sie um eine Kostprobe ihres Könnens. Das spontane Ständchen könnte in etwa so geklungen haben wie das spärlich instrumentierte Lied Solitary Daughter. Man kann sich gut vorstellen, wie der alte Fuchs schon beim ersten Hören die zurückgenommenen Streicher und den stoischen Akustik-Bass in seinem Kopf ergänzte.

Außer dem Künstlernamen und den Fresken auf dem Cover des Albums, das etwa ein Jahr später aus dieser kolportierten Zufallsbegegnung hervorging, verweist nichts auf die fast ebenso unglaubliche Lebensgeschichte von Bedouine. Als Kind armenischer Einwanderer wurde sie im syrischen Aleppo geboren, das heute leider nur noch als symbolträchtiger Kriegsschauplatz und nicht mehr aufgrund seiner spektakulären Altstadt in den Medien auftaucht. Ihre Jugend verbrauchte Sie in einer Gated Community in Saudi-Arabien, wo sie die aktuellen Entwicklungen der westlichen Popkultur nur bruchstückweise mitbekam. Ihr Hauptbezugspunkt sollen ein paar amerikanische Platten aus den Siebzigern gewesen sein, die ihre Eltern mitgenommen hatten.

Ob man allen Details aus dem Pressetext Glauben schenken mag oder nicht, sie liefern unterm Strich eine stimmige Erklärung für die außergewöhnliche Platte, die Bedouine zusammen mit dem renommierten Produzenten Mathew E. White aufgenommen hat. Die Musik klingt nicht nur vage wie eine Zeitreise ins L.A. der Siebziger, das Album könnte von A bis Z ein unveröffentlichtes Fundstück aus dem Archiv von Elektra/Asylum sein. Den Sound dieser Zeit eins zu eins nachzubauen, ist nicht nur eine archäologische Leistung, sondern auch eine musikalische. Denn nicht ohne Grund werden die frühen Siebziger als die goldenen Jahre des Folkrocks betrachtet, unglaublich viele extrem talentierte Musiker ernteten damals auch kommerziell die Früchte der kreativen Revolution in den späten Sechzigern. Das handwerkliche Niveau in den Studios dieser Zeit ist selbst auf mittelmäßigen Platten immer noch verblüffend und bis heute unerreicht.

Es spricht für Bedouine, dass sie nicht nur musikalisch in einer Liga mit den Größen der Vergangenheit spielt, sondern auch die typisch kalifornische Leichtigkeit von damals mühelos in die heutige Zeit rettet. Die Story hinter dem Album ist jedenfalls nicht nur zu schön um wahr zu sein, sondern auch überflüssig, denn Musik von dieser Qualität hat eine solche Mythologisierung überhaupt nicht nötig. Eines der überraschendsten Debüts des Jahres, eine Platte voller Hörgenuss und wahrscheinlich auch der Startschuss für eine große Karriere.