Australierinnen, die ungestimmte Fuzzgitarren spielen: Die Trends aus der ersten Halbzeit des Jahres

Wie schnell die Zeit vergeht. Schon wieder ist ein halbes Jahr vorbei und in diesem Zeitraum ist eine unfassbare Vielzahl von großartigen Platten erschienen. Zeit, ein kleines Zwischenfazit zu ziehen und einige Beobachtungen festzuhalten.

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Kaum hat man die Weihnachtsplatten ausgepackt und im Regal einsortiert, nähert sich schon wieder mit Riesenschritten das garstige Sommerloch. Bevor wir alle in den wohlverdienten Sommerurlaub gehen, ist also erst noch ein kurzes Zwischenfazit nötig. Denn auch das Musikjahr rauscht ganz gerne mal an einem vorbei, ohne das irgendwelche konkreten Charakteristika hängen bleiben. Kein Wunder bei der Unmenge an Veröffentlichungen und der unfassbaren stilistischen Bandbreite.

Aber es gibt da schon ein paar Dinge, die sich irgendwie gehäuft haben. Und zwar in einem solchen Maße, dass die meisten Beispiele sogar für mehrere der entdeckten Trends gültig sind. Um es kurz zu machen: Die Fantasie-Band der Stunde besteht aus jungen Frauen und Männern aus Australien, spielt ungestimmte Gitarren durch ein Fuzzpedal und hat ein Lyric Video mit politisch motivierten Texten veröffentlicht. Das gibt es in der Konstellation zwar noch nicht komplett, aber Phantastic Ferniture (Bild) könnten es mit ihrem Ende Juli erscheinenden Debüt-Album tatsächlich noch schaffen…

1. Anti-Tune

Nach dem im Mainstream ohne Auto-Tune fast nichts mehr geht und auch der Rap-Underground exzessiven Gebrauch von künstlicher Intonation macht, kann man im Indie-Bereich seit neuestem eine Gegenbewegung ausmachen. Einfussreiche Produzenten wie Sam Evian verbannen Tuning-Pedale aus dem Studio und lassen damit eine leichte Verstimmung der Gitarren zu. Plötzlich kann man dann auch wieder in der Gesangskabine dreckig intonieren, ohne dass es gleich schief klingt wie bei der unfähigen Schülerband von nebenan.

Beweismaterial:
Sam Evian – You, Forever (2018)
Buck Meek: Buck Meek (2018)
L.A. Salami – The City of Bootmakers (2018)

2. Das Lyric Video

Ein Musikvideo zu drehen bedeutet enormen Aufwand und kostet einen dicken Arsch voll Geld. Beides Dinge, die bei den lustigen Musikanten von heute nicht von den Bäumen wachsen. Schließlich verdient man mit der Musik so gut wie nichts, also tourt man die Hälfte des Jahres um die Welt und schafft sich den Rest der Zeit in versifften Bars den Buckel rund. Andererseits ist es auch gähnend langweilig, die geile neue Single einfach mit dem Albumcover als Standbild hochzuladen. Diesem Dilemma verdanken wir den endgültigen Durchbruch des Lyric Videos, einer wunderbaren Vernunftehe zwischen HD Stock Footage und kostenlosen Video-Apps mit Textfunktion.

Beweismaterial:
Rolling Blackouts Coastal Fever: Hope Downs (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)
River Whyless – Kindness, A Rebel (2018)

3. Australien

Wenige Länder sind in den vergangenen Jahren auf der Coolness-Skala so dermaßen abgesunken wie Australien. War das Auswandern nach „Down Under“, das Anfeuern der „Socceroos“ und der Verzehr von Zitronenbier aus dem Hause „Two Dogs“ vor wenigen Jahren noch das Maß aller Dinge, so ist das Work&Travel-Halbjahr nach dem achtjährigen Abitur heute so etwas wie der Big Mac unter den spätpubertären Party-Sabbaticals. Ein Glück, dass die Musikszene des fünften Kontinents vehement zurückschießt: Die zeigt nämlich gerade den Amerikanern, wie man knackigen Folk-Rock für den Highway macht ohne sich in Retro-Klischees zu verheddern. Und dabei ist das wirkliche neue Album von The Paper Kites noch gar nicht erschienen, „On the train ride home“ war nur ein Teaser.

Beweismaterial:
Rolling Blackouts Coastal Fever: Hope Downs (2018)
The Paper Kites – On the train ride home (2018)
Phantastic Ferniture – Phantastic Ferniture (2018)

4. Frauen

 

Können Frauen im Trend liegen? Darf man das sagen oder ist das schon impliziter Sexismus, getarnt als heuchlerisches Wohlwollen eines männlichen Kritikers? Fakt ist: Ausgerechnet abseits des Mainstreams hat die Musikszene in den vergangenen sechs Jahrzehnten eine ziemlich üble Sausage Party gefeiert. In einer Band spielen und auf Tour gehen, das war bis weit in das 21. Jahrhundert hinein noch fast ausschließlich eine sogenannte „Männersache“. Wenn schon Frau dann bitteschön als Solokünstlerin mit wohlfeilen Gitarrenakkorden und einem zarten Stimmchen, begleitet von ein paar – selbstverständlich männlichen – Mucker-Veteranen. Und deshalb ist es erfreulich, das so viele Frauen in Bands spielen, Bands gründen, gleichberechtigte Duo-Partner sind oder echte Bandleader werden. Vor allem, da die Ergebnisse qualitativ so überzeugend sind, dass selbst die unverbesserlichen Sexisten unter den Kritikern mal ordentlich das Maul gestopft bekommen.

Beweismaterial:
Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)
Sunflower Bean – Twentytwo in blue (2018)
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)

5. Der Fuzz ist zurück

Wollen wir uns jetzt wirklich auf diese zugegebenermaßen ziemlich nerdige Ebene herablassen und über Gitarren-Effekte reden? Ja, wollen wir. Müssen wir! Denn nachdem letztes Jahr jeder Akkord in mehreren Hektolitern psychedelische Chorus-Marinade eingelegt wurde, kann man in diesem Jahr die Wiedergeburt des eigentlich unschönsten aller Verzerrungs-Sounds beobachten. Fuzzzzz – der Name sagt alles über den Klang. Der Sound entstand schon Ende der Fünfziger, allerdings nicht durch die Überhitzung von Röhren, sondern durch einen wirklich kaputten Verstärker. Zunächst tauchte er ausgerechnet in der Country-Musik auf, dann auch im Surf-Rock, später bei den Beatles und ihren Nachahmern. In den 70ern wurde der Effekt dann durch die Entwicklung von „besser“ klingenden, knackigeren Verzerrern verdrängt und fiel für ein paar Jahrzehnte in einen mehr oder weniger tiefen Dornröschenschlaf. Höchste Zeit für ein fröhlich sägendes Revival im weitgefächerten Spektrum der traditionsbewussten Rockmusik von heute.

Beweismaterial:
Dr. Dog – Critical Equation (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)
Marla & David Celia – Daydreamers (2018) / Coming soon!

6. Politik

Nach der Machtübernahme durch Trump war die Verunsicherung in der extrem liberal eingestellten Indie-Szene Amerikas groß. Was kann, darf, soll oder muss ich musikalisch und textlich tun, um mich zu einem freiheitlich-demokratischen Amerika zu bekennen? Zu diesem Zeitpunkt wartete allerdings schon ein Jahresvorrat an absolut unpolitischer Wohlfühlmusik auf seine Veröffentlichung, kritische Stimmen warfen den Musikern Eskapismus und eine innere Emigration in nostalgische Gefühle vor. Ein schwachsinniger Gedanke angesichts der Planungszeiträume in der Musikindustrie, schließlich dauert die Reise von der Idee im Kopf zur Platte im Regal in der Regel mindestens ein Jahr. Konnte man gegen Ende des vergangenen Jahres durchaus schon den ein oder anderen politischen Unterton heraushören, häufen sich in diesem Jahr die eindeutigen Statements ziemlich eindeutig. Das ist uneingeschränkt zu begrüßen, denn wenn wir heute eins nicht brauchen dann ist es Kunst, die sich in die Inszenierung einer heilen Welt flüchtet und vor der Realität die Augen verschließt.

Beweismaterial:
Natalie Prass – The Future and the Past (2018)
Okkervil River – In the Rainbow Rain (2018)
Dick Stusso – In Heaven (2018)

Buck Meek: Buck Meek (2018)

Als schrulliger Gitarrist von Big Thief ist Buck Meek spätestens seit dem grandiosen Auftritt bei NPR’s Tiny Desk Concert bekannt. Auf seinem Debüt als Solokünstler überzeugt er aber vor allem als poetischer Songwriter mit Blick für alltägliche Abgründe.

Buck Meek Album on Keeled Scales

Erschienen am 18. Mai 2018 bei Keeled Scales

Wer ausgiebiges Gegniedel auf der elektrischen Gitarre wie bei seiner Arbeit für Big Thief erwartet hat, wird vielleicht ein bisschen enttäuscht sein. Denn das erste Album von Buck Meek auf dem geschmackvollen texanischen Label Keeled Scales definiert den Topos des betont beiläufigen Klampfenspiels neu. Die Songs sind eher spärlich instrumentiert, nasal am Mikrofon vorbeigenuschelt und enden gefühlt mitten in der dritten Strophe auf irgendeinem Akkord. Das wirkt oft nicht nur skizzenhaft, sondern auch wie ein Intro zu einem Song, der dann doch nicht kommt. Die kalkulierte Unfertigkeit mag für manche Hörer unbefriedigend sein, entwickelt aber durchaus seinen ganz eigenen Reiz.

Hier und da kriegt Buck Meek allerdings locker die Kurve und hat mit Cannonball und Maybe sogar zwei kleine Hits im Gepäck, die eine grandiose Chemie innerhalb der Band einfangen und ordentlich rocken. Neben dem Slowmo-Blues Sue und der abschließenden Countryballade Fool me sind es außerdem die einzigen Nummern, bei denen die Miniaturlänge von zweieinhalb Minuten überschritten wird. Insgesamt ein sehr kurzes, aber auch kurzweiliges und intensives Album, in dem ganz unscheinbar genug gute Ideen für ein Doppelalbum versteckt sind.

Hier könnt ihr weiterhören:
OCS – Memory of a cut off head: Verspultes Folk-Vergnügen

Big Thief – Capacity (2017)
Big Thief – Masterpiece (2016)