Jess Williamson – Cosmic Wink (2018)

In ihrer Heimat Texas tauchte Jess Williamson musikalisch immer weiter in eine tiefe Melancholie ab. Mit dem Umzug nach LA und ihrem neuen Album überwindet sie nun diese Einbahnstraße und beweist ein besonderes Talent für eine extrem stimmungsvolle Vertonung von gemischten Gefühlen.

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Erschienen am 11. Mai 2018 auf Mexican Summer
LIVE:
Jess Williamson & Tobias Bach / Altes Volksbad Mannheim / SA 20. Oktober 2019

Manche Platten erschließen sich weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick, sondern zunächst gar nicht. Und dann kommen irgendwann aus den Tiefen des Bewusstseins Phrasen und Akkorde zum Vorschein, die das innere Auge für große Orientierungsschwierigkeiten stellen. Wo und wann habe ich dieses Lied eigentlich gehört, dass mir seit Tagen fragmentarisch im Kopf herumspukt? Und noch wichtiger: Von wem ist das und warum habe ich mir die Platte nicht gleich gekauft? In diesem Fall ist dieses Phänomen sogar bei mehreren Liedern unabhängig voneinander eingetreten, zuerst mit “Awakening Baby”, dann mit “Wild Rain” und zum Schluss auch noch mit “I see the white” – welch eine Erlösung, Monate später endlich auf den Zusammenhang zu stoßen.

Das Musikvideo zur Single “I see the white” auf Youtube:

 


Und wieder ist da ein ganz großes Rätsel: Was ist die magische Zutat, die aus solchen unscheinbaren Liedern dermaßen hartnäckige Ohrwürmer macht? Wahrscheinlich ist es ein Zusammentreffen von mehreren Faktoren. Zum einen, dass die Songs nicht zielstrebig auf einen Punkt zusteuern, sondern eher beiläufig ein vertrautes Gefühl umkreisen. Zum anderen, dass Texte und Melodien fast minimalistisch reduziert sind. Vor allem aber ist  da diese halb flüsternde Stimme und eine alles umschließende klangliche Atmosphäre, so als würde man bei Freunden im Schlafzimmer-Studio auf dem Bettvorleger liegen und heimlich bei den Aufnahmen lauschen. Das Ergebnis ist ein absolut singuläres Album, dass sich unfassbar schwer in Worte fassen lässt und dessen vage Beschreibung alleine mehrere Anläufe und wochenlanges Grübeln benötigte.

Das ganze Album auf Spotify:

 

 


Ähnlich einzigartige Platten:
Lorain – Through Frames (2018)
Buck Meek: Buck Meek (2018)
Halo Maud – Je Suis Une Île (2018)

The Saxophones – Songs of the Saxophones (2018)

Auf dem Debüt des Duos namens The Saxophones gibt es glücklicherweise nur wenig Saxofon, dafür aber jede Menge delikate Songs voller schwüler Urlaubsstimmung.

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Erschienen am 1. Juni 
2018 auf Full Time Hobby

Wenn ich ein Instrument hasse, dann das Saxofon. Natürlich gibt es auch geile Saxofon-Solos und sogar wahnsinnig geile Platten, in denen das Saxofon eindeutig die Hauptrolle spielt. Aber spätestens als eine meiner Mitbewohnerinnen mit fast 25 Jahren noch unbedingt Saxofon lernen wollte und regelmäßig meine ruhigen Nachmittage zersägte, war ich nicht mehr gut auf das Instrument zu sprechen. Ich recherchierte und fand heraus, dass man es im 19. Jahrhundert erfand, weil die herkömmlichen Blasinstrumente allein für die immer größer werdenden Konzerthäuser nicht mehr laut genug waren. Aha, dachte ich mir, und zementierte meine Vorurteile. Warum eine sehr leise Band nun ausgerechnet nach einem Werkzeug zur akustischen Kriegsführung benannt ist, war mir dementsprechend erst mal rätselhaft und ich begegnete der Musik auch mit einer gewissen Skepsis.

Das Musikvideo zur Single “Mysteries Revealed” auf Youtube:

Umso größer war natürlich die Begeisterung angesichts des extrem delikaten Klangbilds, in dem die Songs auf diesem Album ineinander verschwimmen wie die Farben in einem Aquarell. Aus dem pastellfarbenen Hintergrund treten zunächst schemenhaft, dann immer klarer werdend Assoziationen auf, die sehr bewusst und extrem detailverliebt eingefädelt wurden. Exotika aus den 50ern, Aloha-Pop aus den 60ern, Easy Listening aus den 70ern: The Saxophones komponieren aus fast völlig in Vergessenheit geratenen Zutaten einen unerwartet stimmigen Rahmen für ihre miniaturenhaften Songs, die sich meistens auch auf winzige Ausschnitten und beiläufige Momentaufnahmen aus ihrem Leben als musizierendes Ehepaar beschränken. Beschränkung ist hier tatsächlich wieder ein mal das ganz große Zauberwort, dass aus spartanischen Arrangements und einem eigentlichen schematischen musikalischen Konzept ein großartiges Album für ruhige Stunden entstehen lässt.

Das ganze Album auf Spotify:


Ähnliche Alben:
Art Feynman – Blast Off Through The Wicker (2017)
Michael Nau – Mowing (2016)
Michael Nau – Some Twist (2017)