Robert Earl Thomas – Another Age: So geht Soloalbum

Als Gitarrist der Dreampop-Band Widowspeak konnte Robert Earl Thomas schon auf vier guten bis sehr guten Alben deutliche Akzente setzen. Sein Debütalbum überrascht aber trotz der hohen Erwartungshaltung durchweg mit herrlichem Slacker-Pop und stellt phasenweise sogar das Schaffen seiner eigentlichen Band in den Schatten.

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26. Februar 2018 / Captured Tracks

Wenn Gitarristen von künstlerisch oder kommerziell erfolgreichen Bands sich auf Solopfade begeben, wandeln sie in der Regel auf einem schmaler Grat. Zu viel Gitarrengeschwurbel, zu wenig Songorientierung und das Fehlen einer tragenden Singstimme sind die klassischen Fallstricke bei solchen Nebenprojekten. Das Ergebnis sind oft mittelmäßige Platten, die wie ein unvollständiger Abklatsch der Hauptband klingen. Oder aber gute Platten, die aber mit dem erwarteten stilistischen Spektrum nichts zu tun haben und deshalb beim Publikum nicht unbedingt auf fruchtbaren Boden fallen. Glücklicherweise ist es Robert Earl Thomas von Widowspeak gelungen, diese Untiefen geschickt zu umschiffen und mit seinem Debüt beinahe so etwas wie eine Blaupause für ein stimmiges Album in dieser Situation abzuliefern.

Während er als Leadgitarrist bei seiner Band klanglich sehr präsent ist und sich oft durch expressive Soloparts in den Vordergrund zu spielen weiß, fährt er die Fummelei hier rigoros auf ein absolut songdienliches Maß herunter. Den Mangel an stimmlicher Begabung kompensiert er dagegen wie einst Mark Knopfler oder heute Adam Granduciel von The War on Drugs durch ein auf seine ganz eigene Art melodisches, verschwörerisches Nuscheln. Der vokale Anteil wird einfach auf das absolut notwendige Minimum reduziert, was auf der anderen Seite dem instrumentalen Fluss geradezu unendliche Weiten eröffnet. Zusammen mit dem grandiosen Songwriting und dem wunderbar melancholischen Vibe der späten 70er und frühen 80er beschwört Robert Earl Thomas so ein Musikerlebnis, das uns über die gesamte Spielzeit des Albums und weit darüber hinaus in den Bann zieht.

Verträumte Menschen, die mit diesem Album im Kassettendeck gerne sinnlos über die Landstraße gurken, haben ihren Schatzi auch mit den folgenden Platten zur Weißglut getrieben:
Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum
Destroyer – Ken: Erinnerungen an eine melancholische Jugend in den frühen 80ern
The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)

Mac DeMarco – This Old Dog (2017)

2014 gelang dem Kanadier Mac DeMarco mit genialen Songs und einem ganz eigenen, schrammeligen Sound der große Durchbruch. Auf seinem neuen Album beweist er endgültig, dass er zu den besten und variabelsten Songwritern unserer Zeit gehört und dabei weiterhin unverwechselbar bleibt.

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VÖ: 5.5.2017 auf Captured Tracks
Klingt fast ein bisschen wie: Homeshake, John Andrews, Travis Bretzer
Passt gut zu: Morgensonne, Home Office, Filterkaffee

Kaum zu glauben, dass sein epochales Breakthrough-Album Salad Days schon drei Jahre alt ist, so frisch und unverbraucht hört es sich bis heute an. Und normalerweise finden derartige Erfolge schnell eine Reihe Nachahmer, die viele Ideen bis zum geht nicht mehr durchkauen. Aber irgendwie hat sich niemand an Mac DeMarcos ausgebleichten, verspulten Songwriter-Pop herangetraut. Kein Wunder, denn sein spezifischer Tonfall zwischen messerscharf durchdachtem Songwriting und gekonnt schrammeliger Ausführung ist gar nicht so leicht zu treffen. Und so muss der inzwischen ins sonnige LA weitergezogene Kanadier selbst dafür sorgen, dass sein letztes Album als Referenzwerk einer Musikrichtung abgelöst wird.

So etwas ist wahrlich keine leichte Herausforderung, und viele große Künstler sind immer wieder daran gescheitert. Manche versuchten vergeblich, unmittelbar anzuknüpfen an das bewährte Erfolgsmodell, andere erlitten Schiffbruch beim Versuch, sich neu zu erfinden. Nicht so Mac DeMarco, der in den letzten drei Jahren nicht nur ununterbrochen auf Tour war, sondern nebenbei auch als Künstler und Mensch merklich gereift ist und vor allem eine Menge zu erzählen hat. Über seine Familie und Freunde, über sich und die große Einsamkeit, aber auch über die kleinen und großen Freuden, die einem begegnen, wenn man mit offenen Augen durch diese verrückte Welt geht. Das hat etwas unbedarftes, die entwaffnende Ehrlichkeit eines kleinen Jungen, der von zuhause ausgerissen ist und bei aller Naivität eine in sich stimmige Sicht auf die Dinge offenbart.

Musikalisch wurde die Welt auf dieser Platte nicht neu erfunden, die Weiterentwicklung des typischen DeMarco-Sounds ist schließlich immer linear und nie schrittweise verlaufen. Der neue Blickwinkel sorgt aber automatisch für neue Klänge, denn wie schon auf Salad Days zeichnet sich das Songwriting dadurch aus, dass jeder Song ein eigenes passendes musikalisches Kleid bekommt, wie einen kleinen Soundtrack zu einer Kurzgeschichte. Tendenzen lassen sich doch festmachen, wie zum Beispiel der unverkennbare Einfluss des jahrelangen Musizierens mit Peter Sagar von Homeshake, dessen schräge Akkorde und eiernde Synthies das Klangspektrum ganz natürlich ergänzen. Und so gelingt mit This Old Dog ein unaufgeregtes Meisterwerk, das Mac DeMarcos exponierte Stellung als einer der wichtigsten Songwriter unserer Zeit unterstreicht und sowohl Fans als auch Neuinteressierten noch lange viel Vergnügen auf höchstem Niveau bereiten wird.