Nicholas Krgovich – In an Open Field: Pastellfarbene Songs aus dem kanadischen Westen

Mit zwei brilliant gesungenen, aber instrumental etwas einseitigen Alben hat sich Nicholas Krgovich schon lange in der ersten Liga der alternativen R&B-Crooner Kanadas etabliert. Auf der dritten Platte gelingt es ihm endlich, auch über die stimmliche Virtuosität hinaus zu glänzen.

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Erscheinungstermin: 1.12.2017 / Label: Tin Angel

Dass Nicholas Krgovich richtig gut singen kann, ist keine wirklich neue Erkenntnis. Auf seinen bisherigen Alben als Solokünstler und Sänger der kanadischen Kultband No Kids sorgte er mit seiner schwerelosen Stimme stets für die besonderen Momente. Die Songs auf der neuen Platte sind aber geprägt von dem Bemühen, dem unstrittigen Niveau der Vocals auch ein adäquat raffiniertes, aber weiterhin zurückhaltendes Instrumentalgerüst zu verpassen. Statt dem etwas beliebigen Synthiepop der früheren Tage bekommt jeder Song nun ein maßgeschneidertes Arrangement mit dezent eingesetzten akustischen und elektrischen Instrumenten wie Bläsern oder Pedal Steel.

Bemerkenswert ist vor allem, dass trotz der großen stilistischen Vielfalt ein Album-Vibe entsteht. Der Titel In an Open Field verweist nicht zufällig auf einen ländlichen Touch, wahrscheinlich auf die unendlichen Weiten der kanadischen Provinz. Doch der Indie-Veteran Krgovich setzt so etwas natürlich nicht einfach in Form der aktuell hoch gehandelten Country-Retromanie um, sondern knüpft soundmäßig eher an die sogenannten Cosmic Cowboys der 70er an. Das passt überraschend gut zu seiner eher souligen Stimme, der gesunden Dosis ironischen Glamour und den teilweise erstaunlich slicken Grooves. Aufgrund der durchweg überragenden Qualität beschert diese delikate Mischung allen Liebhabern von federleichtem Pop einen unverhofften Nachzügler im Kampf um das Album des Jahres.

Introvertierte Feingeister, die dieses Album zur morgendlichen Zeitungslektüre goutieren, haben vielleicht auch zu den folgenden Platten ihre Polohemden gebügelt:
Henry Jamison – The Wilds: Neues aus dem Innenleben der Ostküste
Slow Dancer – In A Mood (2017)
Tennis – Yours Conditionally (2017)

Bunny – Bunny

Drew Smith war in den Nullerjahren als Frontmann von den Bicycles mit sonnigem Chamber Pop erfolgreich. Jetzt ist er zurück mit seinem neuen Projekt Bunny und einem hörenswerten Album, das aus ganz ähnlichem Holz geschnitzt ist.

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VÖ: 6.10.2017 auf Tin Angel
Referenzen: Paul Simon, Paul McCartney, Beach Boys
Stichworte: Morgens / Sonne / Kakao / Alleine zuhause

Dass sich Drew Smith mit süßen Melodien und putzigen Arrangements auskennt, ist seit seinen erfolgreichen Jahren mit den Bicycles bekannt. Dass seine Texte häufig vollgestopft sind mit bitterböser Ironie, anzüglichen Wortspielen und klugen Beobachtungen, muss man erst mal unter der dicken Schicht Zuckerguss erkennen. Mit dem Bandnamen Bunny, dem infantilen Cover und dem grotesken Video zum ersten Song gibt er diesmal aber auch den Hörern einen Wink, die nicht zu sehr auf die Details in den Texten achten.

Vierzehn sehr kurze und mindestens genauso knackige Songs dieser Art sind auf dem ersten Album von Bunny zusammengekommen. Von der tanzbaren Gute-Laune-Nummer  mit quäkigen Synths bis zur melancholischen Ballade mit gezupfter Akustiknummer ist alles dabei, was das spielerische Grundrezept hergibt. Natürlich wird hier keineswegs das Rad neu erfunden, dafür gibt es aber eine Überfülle von smarten Lyrics, durchweg gut geschriebenen Songs und Arrangements, die einem immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Aldous Harding – Party (2017)

Aldous Harding aus Neuseeland hat auf ihrem zweiten Album einen Riesensprung gemacht. Ihre minimalistisch arrangierten Folksongs sind nicht nur extrem leise und dunkel, sondern auch dynamisch und voller Leben.

Party

VÖ: 19.5.2017 auf 4AD
Klingt fast ein bisschen wie: Nico, Weyes Blood, Andy Shauf
Stichworte: Nachts / Regen / Rotwein / Alleine

Neuseeland ist immer noch ein bisschen das unentdeckte Land der englischsprachigen Popwelt. Aldous Harding wird das nicht alleine ändern können, aber der berechtigte Hype um ihr zweites Album Party ist zumindest mal wieder so etwas wie ein Lebenszeichen. Während ihr selbstbetiteltes Debüt 2015 noch unter dem etwas gekünstelten Etikett “Gothic Folk” gelitten hatte, ist ihr mit Songs wie Imagining My Man der Übergang zu einer selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit gelungen.

Wäre da nicht diese glasklare, mikroskopisch genaue Produktion, könnte diese Musik direkt aus der dunkleren Hälfte der britischen Folkszene aus den 60ern kommen. Ein guter soundtechnischer Kniff, um übertriebene Retromanie zu vermeiden und nicht nur den besonderen Charakter von Aldous Hardings Stimme und Phrasierung, sondern auch die extrem detailverliebte Kammer-Instrumentierung und die daraus resultierende Intimität herauszuarbeiten. So gelingt ein Album, dass den anhaltenden Trend zu altmodischer Hallsuppe und Lo-Fi mutig links liegen lässt und trotzdem oder gerade deshalb mit seiner zeitlosen Schönheit aus der Masse der Veröffentlichungen in diesem Bereich herausragt.

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Feist – Pleasure (2017)

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VÖ: 28.4.2017 auf Interscope/Polydor
Klingt fast ein bisschen wie: Natalie Prass, St. Vincent, Dirty Projectors
Passt gut zu: Kopfhörer, Couch, Rotwein

Nach ungefähr 30 Sekunden ist schon klar, dass Feist endlich mal wieder ein wirklich überzeugendes Album gemacht hat. Schwer zu sagen warum, aber die ersten paar Töne und die Art wie sie angeschlagen werden und viele andere nicht, lässt die folgende Großartigkeit schon erahnen. Diese Musik lässt sich nicht nebenbei hören oder in Playlisten aufteilen, sie verlangt die volle Aufmerksamkeit und belohnt dann mit einer fast unbeschreiblichen Achterbahnfahrt aus Gefühlen und Stilmitteln, die von der Kanadierin so nicht zu erwarten waren. Denn nach dem grandiosen Start mit Let it die (2004) kam wie bei vielen Kollegen nicht nur der große Erfolg, sondern auch eine Reihe von mäßig inspirierten und teilweise überproduzierten Alben. Dabei hat Feist wie ganz wenige die Fähigkeit, mit der extrem feinen Dynamik von Gesang und Instrumenten minimalistische Songskizzen in schillernde kleine Kunstwerke mit bedrohlichen Ecken und Kanten zu verwandeln. Auch wenn viele Fans enttäuscht sein werden, beschert diese Platte mit dem treffenden Titel Pleasure schon beim ersten Hören großes Vergnügen und wird immer besser, je mehr man sich in den oft überraschenden Songstrukturen zu orientieren weiß. Ein fantastisches Album, das zu Recht und nicht nur aufgrund der Prominenz seiner Schöpferin auf den Bestenlisten dieses Jahres ganz weit oben landen wird.

D.D Dumbo – Utopia Defeated (2016)

DD Dumbo

VÖ: 7.10.2016 auf 4AD/Liberation Music
Klingt fast ein bisschen wie: Sting, Yeasayer, Flock of Dimes, David Byrne
Passt gut zu: Autobahn, Sonnenaufgang, Kaffeebecher

Ein weiteres faszinierendes Debüt aus dem Jahre 2016 kommt von Oliver Hugh Perry, einem jungen Multi-Instrumentalisten und Musikgenie aus der australischen Provinz. Viele Musiker, die derart mit Talent gesegnet sind, verlieren sich im Zwang zur Progressivität, im Zurschaustellen ihrer Virtuosität oder brauchen Jahre, um ihre Kreativität unter Kontrolle zu bringen und für uns Musikhörer erfassbar zu machen. So etwas passiert hier nicht, denn hinter dem seltsamen Namen mit der noch seltsameren Interpunktion verbirgt sich ein unglaublich ausgereiftes Einmann-Bandprojekt, dass sich vor allem auf die extrem ausdrucksstarke Stimme und die charakteristische zwölfsaitige Gitarre konzentriert. Die Arrangements sind extrem detailreich, aber keineswegs aufdringlich und machen aus ohnehin schon großartigen Songs kleine popmusikalische Kunstwerke. Ein grandioses Debüt und vermutlich eine der besten Platten des Jahres 2016.

Mothers – When you walk a long distance, you are tired (2016)

Mothers

VÖ: 19.2.2016 auf Grand Jury Music
Klingt fast ein bisschen wie: Joanna Newsom, Angel Olsen, Nedelle Torrisi
Passt gut zu: Mittagsruhe, Schokolade, Blumen

Mothers ist eine ganz besondere Band und das hier ist ein ganz besonderes Debüt. Diese Musik ist so fragil und niedlich, dass man schon ganz genau hinhören muss. Wer die Platte aber an sich heranlässt und sie aus der Nähe betrachtet, erlebt sein blaues Wunder. Denn die Songs sind jeder für sich so tief wie ein Ozean und repräsentieren verschiedene Zugänge zur Konfrontation mit inneren Prozessen, die wir normalerweise ganz gerne aus unserem Alltag verbannen.

Abgesehen von dieser psychologischen Komponente liefert die Band aber einfach wahnsinnig gutes Kunsthandwerk ab. Jeder Akkord wird aus handverlesenen Tönen zusammengesetzt und löst sich wieder genau dort auf, wo das außerirdische Stimmchen von Songschmiedin Kristine Leschper mal wieder ganz viel Raum braucht. Diese luftige Qualität schafft die entscheidende Distanz zur amerikanischen Tradition, die irgendwo im Hintergrund verschwommen da ist, aber dem kreativen Zusammenspiel nie in die Quere kommt. Für Freunde von leisen Tönen vielleicht eine der besten Platten des Jahres 2016.