Destroyer – Ken: Erinnerungen an eine melancholische Jugend in den frühen 80ern

Als Mitglied der legendären The New Pornographers und spätestens mit dem letzten Solo-Album “Poison Season” hat Destroyer schon längst den Durchbruch geschaft. Auf “Ken” erfindet er sich mal wieder neu, diesmal als großer Melancholiker mit nostalgischen Gefühlen für die frühen 80s, irgendwo zwischen New Wave, Jangle Pop und College Rock.

Destroyer - Ken

20.10.2017 – Merge Records

Nachdem er auf dem überragenden Vorgängeralbum erfolgreich introvertiertes Storytelling mit Stadionrock à la Springsteen versöhnt hatte, musste Destroyer für seine mittlerweile elfte Platte erst mal eine geeignete Herausforderung finden. In seiner großzügigen Freizeit seit dem Ausstieg bei The New Pornographers hat er dann erst mal tief in sich hineingehört und dabei nicht nur die Musik seiner Jugend in den frühen 80ern wiederentdeckt, sondern auch eine bislang in diesem Ausmaß unbekannte Melancholie.

Wie auf vielen Platten in diesem Jahr feiert der Chorus als vorherrschender Effekt auch hier weiter sein Comeback. Allerdings nicht in der analogen Version der 70er mit seinem charakteristischen Schlingern, sondern in der kühlen Verzerrung der 80er. Das hat immer etwas leicht dystopisches, so als hätten die Saiten verlernt, mit der restlichen Welt in Harmonie zu schwingen. Dazu kommen viele programmierte Synthies und unbarmherzig alternierende Paare von Moll-Akkorden, die weitere dunkle Türen der Assoziation aufstoßen, vornehmlich in Richtung New Wave. Das wäre schwer zu ertragen, wenn Destroyer nicht hier und da mit einer genialen Wendung die erleichternde Kurve in versöhnlichere Gefilde bekommen würde.

Misanthropen, die zu diesem Album in die Wolken schauen werden, haben auch zu den folgenden Alben nachdenklich ihren Earl Grey getrunken:
Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum
Michael Nau – Some Twist: Ein Waldschrat entdeckt den Soul
H. Hawkline – I Romanticize: So geht Indie Rock 2017

Hoops – Routines (2017)

Mit einem cleveren Debüt auf dem Qualitätslabel Fat Possum schaffen Hoops den Sprung aus dem verschlafenen Indiana in die große, weite Musikwelt. Ihr verträumter Indie-Pop ist zwar keine bahnbrechende Neuerfindung, aber durchaus ein Beitrag zur Vielfalt eines beliebten Genres.

Hoops

VÖ: 5.5.2017 auf Fat Possum
Klingt fast ein bisschen wie: Tops, Tennis, The db’s
Passt gut zu: Autoradio, Mittagshitze, Coladose

Wer sein erstes Album Routines nennt, beweist schon mal eine Menge Humor. Und tatsächlich hat diese Musik etwas im positiven Sinne routiniertes, nämlich gut abgehangenes. Die Jungs aus einer Kleinstadt aus Indiana wissen genau, was sie wollen, und zwar gut ausgeschlafenen Dream-Pop ohne unnötige psychedelische Umwege. Akribisch haben sie an eingängigen, aber keineswegs formelhaften Songs gearbeitet, die durch den exzessiven Einsatz von Filtern, Hall und Bandsättigung aus ihrer eigentlich sehr poppigen Grundstimmung herausproduziert wurden. Die Gitarrenarbeit ist abwechslungsreich, stellenweise fast beängstigend clever und verführt die ganze Band zu einem mühelosen, aber unwiderstehlichen Groove. So etwas kann auf Dauer auch einseitig und verstockt werden, aber überraschende Tempowechsel, absichtlich verpasste Einsätze und haarsträubende Fade-Outs lockern die Sache immer wieder auf. Das Ergebnis klingt wie eine gefundene Kassette aus einem Amischlitten der 80er, auf dem die genialen Demos einer sagenhaften College-Band zusammengeschnitten wurden. Ein vielversprechendes Debüt, das einfach nur Spaß macht und so manchen Sommertag gelungen untermalen wird.

Squeeze – Argybargy (1980)

VÖ: Februar 1980
Namedropping: Television, The DB’s, The Kinks, The Shins
Passt gut zu: Dosenbier, Dielenboden und Donnerstagabend

Squeeze vereinigen auf ihrem dritten Album so viele Merkmale der 60er, 70er und 80er, dass sie fast wie eine der typisch unspezifischen Retrobands von heute klingen. Aber nur fast, denn einerseits gibt es hier eine einzigartige Dichte von großen Songs und andererseits atmet das Album von vorne bis hinten den Zeitgeist der postindustriellen Depression im Königreich. Mit Jools Holland (!) an den Keys erschaffen die Jungs scharf gezeichnete Charaktere und erzählen Geschichten, die scheinbar mühelos mit musikalischen Stilmitteln aus drei Jahrzehnten inszeniert werden. Eine der wenigen Platten, die man monatelang studieren oder auch einfach mal nebenher durchhören kann.