Bobbie Gentry – Ode to Billie Joe (1967)

Bobbie Gentry hatte Ende der Sechziger Jahre kurzzeitig enormen Erfolg mit ihrer Mischung aus Country und Blues. Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen ihres berühmtesten Albums ist es an der Zeit, diese unglaublich atmosphärischen Songs voller Südstaatenflair endlich wiederzuentdecken.

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VÖ: September 1967 auf EMI
Referenzen: Joan Baez, Bedouine, Janis Joplin
Stichworte: Abends / Herbstwetter / Wein / Zu zweit

Vor 50 Jahren erfolgte durch eine Revolution in der Aufnahmetechnik ein gewaltiger Kreativitätsschub in der Popmusik. Bands wie die Beach Boys oder die Beatles fingen an, Songs im Studio Spur für Spur zusammenzubasteln. So entstanden surrealistische Kunstwerke wie die Alben “Pet Sounds” oder “Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band”. Letzteres wurde in den USA im Herbst 1967 als Nummer eins der Album-Charts von Bobbie Gentry abgelöst, einer jungen Sängerin aus den Südstaaten, die “schwarzen” Soul und “weißen” Country verband.

Da Bobbie Gentry wenige Jahre später überraschend ihre Karriere beendete und sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, ist sie heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Vielleicht ist der 50. Geburtstag ihrer erfolgreichsten Platte ja ein erster Anstoß zur Wiederentdeckung dieser beeindruckenden Sängerin. In einer Zeit, als Frauen zumindest als Songwriterinnen noch die absolute Ausnahme waren, nimmt sie selbstbewusst in der riesigen Lücke zwischen dem aristokratischen Folk einer Joan Baez und dem eruptiven Blues von Janis Joplin Platz.

 

 

 

The Deslondes – The Deslondes (2015)

Als The Deslondes 2015 ihr erstes Album veröffentlichten, hatten die Mitglieder sowohl musikalisch als auch menschlich schon einiges erlebt. Das Ergebnis sind handwerklich beeindruckende Songs zwischen Country und Soul, die aus dem tiefsten Inneren der Musiker und des ländlichen Amerikas kommen.

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VÖ: 9.6.2015 auf New West
Klingt fast ein bisschen wie: Hank Williams, The Gourds, Huey Smith
Passt gut zu: Lampions, Grillparty, Bourbon

New Orleans ist nicht gerade als Country-Mekka bekannt. Solche Verallgemeinerungen sind aber immer mit Vorsicht zu genießen, denn erstens haben Leute wie Huey “Piano” Smith in der Stadt schon immer “weiße” und “schwarze” Musik vermischt. Und zweitens soll es ja auch Dönerläden geben, die eine ganz anständige Pizza machen. In der heruntergekommenen Deslonde Street haben sich jedenfalls ein paar echte Nerds zusammengefunden, die bislang mit soliden, aber weitgehend erfolglosen Projekten wie The Tumbleweeds ihre Lehrjahre verbracht haben. Dabei haben sie offensichtlich alle wahnsinnig viel Musik gehört und gemacht, denn ihr Debüt in der neuen Konstellation klingt, als hätten sich die fünf seit den 50ern als Straßenmusikanten durchgeschlagen und dabei nicht nur ganz viel Staub gefressen und Scheiße erlebt, sondern auch alle Spielweisen zwischen Roots Soul und Nashville Country von der Pike auf gelernt, umgerührt und in einen unverkennbar eigenen Bandsound gegossen. Ein Album wie eine enzyklopädische Abhandlung über die unendlichen Weiten der Musik des ländlichen Amerikas, über alle vermeintlichen ethnischen oder stilistischen Barrieren hinweg.

Das zweite Album “Hurry Home” erscheint am 23.6.2017 auf New West!

Tara Jane O’Neil – Tara Jane O’Neil (2017)

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VÖ: 21.4.2017 auf Gnomosong
Klingt fast ein bisschen wie: Kodiak Deathbeds, Joan Shelley, Sandy Denny
Passt gut zu: Abendlicht, Kopfhörer, Rotwein

Tara Jane O’Neil hat auf unglaublich vielen Alben von großen Namen wie Wilco oder Devendra Banhart mitgewirkt, ist aber als Solokünstlerin nie über den Achtungserfolg des 2006 erschienenen In Circles hinausgekommen. Kein Wunder, denn ihre Musik war stets zu leise und zu zart, um wirklich aufzufallen. Auf ihrer selbstbetitelten neuen Platte macht sie aus dieser vermeintlichen Schwäche endlich eine Stärke, indem sie noch mal ein paar Gänge zurückschaltet. Wer sich auf den minimalistischen Sound einlässt, entdeckt eine enorme Dynamik zwischen leisen und ganz leisen Töne und vor allem wundervoll zerbrechliche Songs, die uns Tara verschwörerisch ins Ohr flüstert. Ein Album, das man fast nur bei absoluter Ruhe angemessen wahrnehmen kann und das mit jedem Hören an Tiefe und Weite gewinnt.

Valerie June – The Order of Time (2017)

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VÖ: 10.3.2017 auf Concord
Klingt fast ein bisschen wie: Margo Price, Alabama Shakes, Rolling Stones (Sticky Fingers)
Passt gut zu: Schaukelstuhl, Veranda, Eistee

Manchmal kann ein erfolgreiches und von den Kritikern hochgelobtes Debütalbum auch eine schwere Bürde sein. 2013 kam Valerie June aus dem Nichts mit Pushin’ against a Stone um die Ecke und gewann damit nicht nur so ziemlich jeden Newcomer-Preis unterhalb des Grammys, sondern auch sehr viele Herzen, aber dann wurde es lange still um die gefeierte Newcomerin. Nun gibt es endlich das zweite Album der jungen Frau aus Tennessee, und auch dieses ist ein fantastisches Panoptikum der nordamerikanischen Volksmusik, wie es eigentlich nur in Memphis entstehen kann. Nicht zufällig hat Elvis dort, an der Schnittstelle des amerikanischen Heartlands, mit Zutaten aus den Appalachen, den Südstaaten und den Ebenen des mittleren Westens die Urformel der Popmusik gepanscht, die bis heute Bestand hat.

Valerie June sucht aber nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern das große Ganze in seiner unüberschaubaren Vielfalt. Sogar die Wurzeln der einzelnen Musikströme in afrikanischen, europäischen und uramerikanischen Traditionen bahnen sich hier und da ihren Weg ans Tageslicht, und Valerie schafft es mit ihrem enigmatischen Gesang, allen eine Stimme zu geben. Ein Album, so unfassbar weit und schrecklich schön wie die Prärie.

Laura Marling – Semper Femina (2017)

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VÖ: 10.3.2017 auf More Alarming
Klingt fast ein bisschen wie: Beth Gibbons, Sufjan Stevens, Nick Drake

Nachdem Laura Marling auf Short Movie erste Gehversuche als Produzentin unternahm, geht sie auf ihrem mittlerweile sechsten Album noch ein paar Schritte weiter. Semper Femina ist ein klassisches Konzeptalbum, das vor allem von Beziehungen zwischen Frauen handelt und ganz unterschiedliche Geschichten erzählt. Und obwohl sich Laura hier und da immer noch allein mit der Akustikgitarre begleitet, werden fast alle Songs spezifisch instrumentiert und stilistisch zugespitzt. Von zuckersüßen, minimalistischen Folkballaden über rollende Countrysongs bis hin zu jazzigen Grooves ist alles möglich und mehr oder weniger durchschaubar auf die Inhalte abgestimmt.

Einerseits ist es faszinierend, wie mühelos sie in wenigen Jahren den langen Weg vom ferngesteuerten Myspace-Sternchen zur autonom agierenden Popkünstlerin zurückgelegt hat. Andererseits ist Laura Marling eine der wenigen, die theoretisch auf die ganze Produktionsmagie verzichten könnten und auf Albumlänge nur mit ihrer Stimme und ein paar Gitarrenakkorden zu überzeugen wissen. Dementsprechend werden sich die zahlreichen Puristen unter ihren Fans schwer tun und den ein oder anderen Song als überladen empfinden. Allerdings hat Laura Marling wie jede Künstlerin das Recht darauf, ihren künstlerischen Visionen unabhängig von äußeren Erwartungen nachzugehen. Das tut sie mit einem klaren Ziel, einem relevanten Thema, ganz viel Fingerspitzengefühl und einem Hauch Extravaganz, der aus einem ambitionierten Album ein bezauberndes macht.

Holly Macve – Golden Eagle (2017)

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VÖ: 3.3.2017 auf Bella Union
Klingt fast ein bisschen wie: Julia Jacklin, Lana del Rey, Marla
Passt gut zu: Sonnenuntergang, Whisky, Zigaretten

Holly Macve kommt aus Irland, lebt in England, sieht superstarmäßig aus und ist erst 21. Glaubt man ihren zahlreichen Kritikern, darf sie deshalb keine düsteren Countryballaden schreiben. Das können ja bekanntlich nur alte, hässliche Männer aus der amerikanischen Provinz. Tatsächlich fällt Golden Eagle durch, wenn man es an den großen Klassikern des Genres misst, welches Album würde das nicht. Aber derartige Vergleiche verkennen, dass Holly Macve offensichtlich nicht der neue Johnny Cash sein will, sondern einfach melancholischen, nostalgischen Pop mit einem dezidierten Western-Thema macht. Wer sich auf diese Sichtweise einlässt, darf eintreten in eine sepiafarbene Welt mit einer unglaublich dichten Atmosphäre und großartig erzählten Geschichten über Geisterstädte, Tumbleweeds, Outlaws und gebrochenen Herzen.

Entrance – Book of Changes (2017)

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VÖ: 24.2.2017 auf Thrill Jockey
Klingt fast ein bisschen wie: Nick Cave, Leonard Cohen, Ryley Walker
Passt gut zu: Sonntagabend, Schaukelstuhl, Rotwein

Guy Blakeslee war schon immer der uneingeschränkte Kopf von The Entrance Band. Im vergangenen Jahr trennte er sich von seinen langjährigen Mitstreitern, um als Entrance sein ganz eigenes Ding zu machen. Konsequent, dass er auch die ziemlich rockige Herangehensweise der Band hinter sich gelassen hat und ab sofort als Singer/Songwriter agiert. Während seine enorme Kreativität bisher ein bisschen im Geschrammel unterging, kommt nun seine Gabe als Geschichtenerzähler und Barde voll zur Geltung. Book of Changes ist sicher nicht das originellste Album aller Zeiten, denn auch der Rückgriff auf die aufwändigen Arrangements aus der goldenen Zeit des Songwriter-Pops ist heutzutage keine Seltenheit mehr. Aber es ist ein sehr gutes Exemplar einer Gattung, von der es eigentlich gar nicht genug geben kann.