The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen

Die Sängerin Tamara Lindemann aus Toronto hat 2015 mit ihrem Bandprojekt The Weather Station das bemerkenswert feine Folk-Album Loyalty veröffentlicht. Nun greift sie zunehmend auch zur elektrischen Gitarre und gibt ihren Songs damit den entscheidenden Kick.

Weather Station

6.10.2017 / Paradise of Bachelors

Die besondere Qualität der Stimme und allgemein der Gesangsperformance von Tamara Lindemann war schon auf den bisherigen Veröffentlichungen offensichtlich. Da ist nicht nur eine extreme Klarheit und Leichtigkeit in Aussprache, Intonation und Phrasierung, sondern auch eine enorme emotionale Intensität. Ihr gelingt es mühelos, die sehr persönlichen und gleichzeitig poetisch hochwertigen Texte überzeugend und ohne pathetisches Grundrauschen an den Empfänger zu liefern. Dank dieser Fähigkeit ist The Weather Station zunächst mal prädestiniert für die Welt der leisen und ganze leisen Töne, die dem Genre durch Joni Mitchells “Blue” für scheinbar für immer zugewiesen wurde.

Auf dem neuen, selbstbetitelten Album wird zunehmend die elektrische Gitarre eingestöpselt, was einen überraschenden Effekt hat. Denn erstens hebt die Musik dadurch hier und da endlich mal richtig ab und zweitens sind die ruhigen Momente fast noch intensiver als bisher. Auf dieser flexiblen Basis beginnen Tamara Lindemanns Exkurse in naheliegende Richtungen wie den britischen Folkrock oder krachenden Countryrock der 60er und 70er. Ein extrem abwechslungsreiches und gleichzeitig atmosphärisches Album, das nicht nur ein großer Schritt für The Weather Station darstellt, sondern auch einem etwas festgefahrenen Genre neue Impulse geben dürfte.

Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum

Courtney Barnett und Kurt Vile sind als Solokünstler inzwischen über jeden Zweifel erhaben. Nun haben sie ein gemeinsames Album aufgenommen, das zwar nicht ganz an die Qualität ihrer letzten Werke herankommt, aber dennoch eine bemerkenswerte Sammlung von Songs darstellt.

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13.10.2017 / Matador Records

Obwohl der Trend zu Duetten, Kollaborationen und Features auch vor der Indiewelt nicht Halt macht, ist ein gemeinsames Album von zwei Superstars ziemlich ungewöhnlich. Das hast allein schon mal organisatorische Gründe, denn alles vom Management über die Labels bis zu den Konzertagenturen muss in diesem Fall aufwändig synchronisiert werden. Das hat Kurt Vile nicht davon abgehalten, einen Song für Courtney Barnett zu schreiben und ihr damit die Einladung zur Zusammenarbeit die läppischen 10.000 Internetmeilen von Philadelphia nach Australien zu schicken. Glaubt man der offiziell kolportierten Backstory, so handelte es sich dabei um die erste Vorabsingle Over Everything. Und dass Courtney Barnett auf das Angebot einging, ist angesichts des entwaffnenden Charmes der Nummer immerhin glaubwürdig.

Auf Albumlänge macht sich nach diesem fulminanten Manifest des rockmusikgewordenen Slackertums erst mal so etwas wie Ernüchterung breit. Das klingt irgendwie alles gleich, so als hätte die Schnittmenge zwischen den beiden einfach nicht mehr hergegeben als Midtempo-Geschrammel mit den für beide typischen halb gesprochenen, nun eben auf zwei Stimmen aufgeteilte Anti-Melodien. Doch bei genauerem Hinhören entwickelt sich zumindest im Detail doch noch ein ergiebiger künstlerischer Dialog der beiden. In vielen Songs scheint sich ein spielerischer Streit um die musikalische Vorherrschaft niederzuschlagen, oft mit offenem Ausgang. Der Schleier der Langeweile verfliegt zunehmend, und wer mit den Soloalben der beiden etwas anfangen konnte, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch an dieser ungewöhnlichen Platte erfreuen können.

 

 

Michael Nau – Some Twist (2017)

Ob mit Page France, Cotton Jones oder seit einem Jahr als Solokünstler: Wenn Michael Nau beteiligt ist, werden nicht nur eingefleischte Fans von psychedelisch angehauchtem Indie Folk glücklich. Auf Some Twist wagt er einige Ausflüge in soulige Gefilde und überzeugt damit auf der ganzen Linie.

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VÖ: 16.6.2017 auf Full Time Hobby
Klingt fast ein bisschen wie: Cotton Jones, Whitney, Otis Redding
Stichworte: Nachmittags / Sonne / Limonade / Mit Freunden

Erst vor etwas mehr als einem Jahr entschied sich Michael Nau, seine im Laufe seiner langen Karriere als Bandmusiker gesammelten Solowerke ab sofort unter einem neuen, eigenen Künstlernamen zu veröffentlichen. Obwohl es solchen Sammlungen häufig an Kohärenz mangelt, wurde die Platte mit dem vielsagenden Titel Mowing zu Recht auch als stimmiges Debütalbum wahrgenommen. Nun also das eigentliche Debüt mit neuem, eigens komponierten Material, das in Form der unglaublich eingängigen Vorab-Singles Good Thing und I Root angeteasert wurde.

Auf Some Twist bleibt sich der neue Michael Nau in vielerlei Hinsicht treu. Allerdings ist zu spüren, dass er sich teilweise wieder dem charakteristischen Sound seiner wohl erfolgreichsten Band Cotton Jones annähert, von dem er sich auf dem relativ trocken produzierten Debütalbum recht weit entfernt hatte. Nun schweben seine warme Stimme und die herrlich altmodischen Instrumente wieder in einem golden Film aus Hall und Staub, so als würde man die Welt durch eine alte Sonnenbrille sehen. Alles glitzert und knistert, so wie die Luft, das Wasser und der Boden an einem heißen Nachmittag auf dem Land. Zu den entspannt gleitenden Folknummern gesellen sich nun auch einige Songs, bei denen Michael am Mikrofon etwas mehr wagt und seinen reduzierten Texten die ein oder andere Extrasilbe zugesteht. Der Groove nimmt dann ein wenig an Fahrt auf und erinnert fast ein bisschen an alte Soulnummern. Durch diesen Schritt erhält das Album ein wenig mehr Tiefe als sein Vorgänger und eignet sich hervorragend, um sich zahlreiche Sommertage musikalisch zu versüßen.

Big Thief – Capacity (2017)

Nur ein Jahr nach ihrem überragenden Debütalbum bringen Adrienne Lenker und ihre Freunde schon die zweite Platte heraus. Wenn sie weiterhin so gute Songs schreibt, darf das Quartett diesen Rhythmus gerne beibehalten.

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VÖ: 9.6.2017 auf Saddle Creek
Klingt fast ein bisschen wie: Angel Olson, PJ Harvey, Mitski
Stichworte: Nachts / Regen / Whisky / Alleine

Es ist etwas ungewöhnlich, dass eine Band weniger als ein Jahr nach ihrem Debüt ein zweites Album veröffentlicht. Wer die Produktionszeiträume kennt, kann sich denken, dass große Teile des Nachfolgers schon vor der Veröffentlichung des Erstlings im Kasten gewesen sein müssen. Die Sängerin Adrienne Lenker erklärte das in Interviews mit einem kreativen Knoten, der im Studio geplatzt sei. Als das erste Album fertig eingespielt war, hatte sie schon wieder ein gutes Dutzend Songs im Kopf und wollte einfach weiter aufnehmen, bevor es wieder auf Tour ging. Als im April mit Erscheinen der Vorabsingle Mythological Beauty auch gleich das neue Album angekündigt wurde, war die Überraschung groß. Und gleichzeitig musste man befürchten, dass die Band sich verzockt hatte, denn der Song ist ein wenig langatmig, sehr düster und passte mit seinem winterlichen Video überhaupt nicht zur Frühlingsstimmung vor Ostern.

Mit dem Erscheinen der zweiten Single Shark Smile deutete sich dann aber bereits an, dass Big Thief da weitermachen, wo sie aufgehört hatten. Und nun machte auch die erste Vorabsingle Sinn, denn offensichtlich ging es bei der Auswahl vor allem darum, die Entwicklung der Band exemplarisch darzustellen. Die traditionell geschulte, aber extrem kreative Gitarrenarbeit trägt weiterhin die mehr oder weniger folkigen Indie-Rocksongs, die jeweils passend zu den poetisch formulierten Gedanken und Geschichten im Text sowohl melancholisch als auch euphorisch ausfallen können. Doch die dunklen Farben sind noch dunkler geworden und die hellen noch heller, die Intimität und Intensität der Texte ist noch extremer.

Eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst in der Musik wirkt bei vielen Künstlern befremdlich, nicht so aber in diesem Fall. Denn obwohl Adrienne Lenker erst 25 Jahre alt ist, hat sie schon eine Menge erlebt und musste sich alle Freiheiten, die ein Leben als Musiker verlangt, hart erkämpfen. Die tragischen Seiten ihrer fast romanhaften Vita, aber auch das große Glück, das sie in ihrer Arbeit erfährt, spiegelt sich in jedem Ton und jedem Takt der Musik wieder. Und wenn es so weitergeht mit der Inspiration, darf sie mit Big Thief gerne jedes Jahr ein neues Album veröffentlichen.

Daniel Romano – Modern Pressure (2017)

Daniel Romano aus Ontario ist eine Art Phantom in der kanadischen Folkrock-Szene. Mit seinem siebten Album könnte er es endlich schaffen, sich auch international zu etablieren.

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VÖ: 19.5.2017 auf New West
Klingt fast ein bisschen wie: The Band, The Faces, The Weakerthans
Stichworte: Abends / Sonne / Bier / Freunde

Als Multi-Instrumentalist hat man es nicht leicht, denn musikalische Ideen gerecht zu verteilen ist oft ein Kampf, der ja auch in Bands immer wieder ausgefochten werden muss. Daniel Romano hat auf seinen ersten sechs Alben im Bereich Arrangement seinen Talenten als Instrumentalist hier und da zu viel Zugeständnisse gemacht und damit immer wieder von seinen Qualitäten als Songwriter abgelenkt. Auf Modern Pressure zeigt er aber schon in den ersten paar Liedern eindrucksvoll, dass er auch songdienlich agieren kann, ohne dabei gleichförmig und eintönig zu klingen.

Und so rockt er sich zu 90% an der Gitarre durch ein Album, das aufgrund seiner unverbrauchten Frische klingt wie ein sehr gutes Debütalbum von einer Band, die gerade in der Garage den Schalter umgelegt hat und plötzlich, ohne selbst zu verstehen warum, mit traumwandlerischer Sicherheit und Spielfreude zusammenkommt. Und das ist nicht die schlechteste Visitenkarte für einen Mittdreißiger, der schon einige Alben und Tours auf dem Buckel hat, ohne wirklich den Durchbruch zu schaffen.

Big Thief – Masterpiece (2016)

Adrienne Lenker hat das Debütalbum ihrer Band als Meisterwerk betitelt und sich damit nicht nur Freunde gemacht. Mit ihrem krachendem Folkrock, bezaubernden Songs und extrem intensiven Texten wird die Platte ihrem Titel aber durchaus gerecht.

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VÖ: 27.5.2016 auf Saddle Creek Records
Klingt fast ein bisschen wie: Angel Olson, M. Ward, Bruce Springsteen
Passt gut zu: Vollmond, Freunde, Bier

Viel wurde darüber diskutiert, ob eine Band ihr Debütalbum Masterpiece nennen darf. Das ist eigentlich schade, denn dieses Album bietet neben einer Menge unglaublich guter Musik auch eine Menge deutlich ergiebigere Gesprächsthemen. Zum Beispiel, dass die Popmusik wie die Gesellschaft allgemein verlernt hat, sich mit den elementaren, aber unendlich tiefen Emotionen zu befassen, die man bekommt, wenn man sich mit den existenziellen Fragen des Seins konfrontiert. Wenn man darüber nachdenkt, was man auf dieser Welt zu suchen hat, wer die eigenen Eltern eigentlich sind, welche Ängste und Abgründe sich hinter unserer Sucht nach Liebe verbergen und viele andere Dinge. Adrienne Lenker würde nie auf die Idee kommen, einen Song über etwas zu schreiben, das nicht diese Intensität besitzt. Das könnte sehr anstrengend und prätentiös sein, aber ihre Songs sind ebenso wie das Spiel ihrer Band so unfassbar gut und ehrlich gefühlt, dass man sich eigentlich einfach nur mitreißen lassen will, auch wenn’s manchmal wehtut. Wer so ein Album macht, darf ihm gerne jeden beliebigen Namen geben, Masterpiece ist in diesem Fall jedenfalls keine Anmaßung.

Das neue Album “Capacity” erscheint am 9.6.2017 auf Saddle Creek Records!

BNQT – Volume 1 (2017)

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VÖ: 28.4.2017 auf Bella Union
Klingt fast ein bisschen wie: Traveling Wilburys, Jackson Browne, Wilco
Passt gut zu: Landstraße, Wochenende, Milchshake

Supergroups sind ja bekanntlich ein zweischneidiges Schwert. Oft verbirgt sich hinter solchen Projekten eine Gruppe von Stars nach ihrem Zenit, die sich mit vereinten Kräften, aber ohne wirkliche Inspiration gegen die Bedeutungslosigkeit wehren. Auf BNQT trifft nichts dergleichen zu, denn die Leadsinger von Midlake, Franz Ferdinand, Band of Horses, Grandaddy und Travis sind erstens unverdächtig was den Karriereknick angeht, haben zweitens ein extrem konzentriertes Album gemacht und nennen es drittens Volume 1, was auf eine längerfristige Zusammenarbeit hindeutet. Letzteres ist natürlich auch eine Verbeugung vor den Traveling Wilburys, die ihre Alben ebenfalls durchnummerierten und an deren Erfolgsrezept sich auch BNQT zu orientieren scheinen. Wo viele Songwriter und Sänger mitmischen, ist die Suche nach einem gemeinsamen Nenner nicht ganz einfach, weshalb es naheliegend ist, sich erst mal an der 70er Standardformel von Fleetwood Mac und Konsorten zu orientieren. Viel mehrstimmiger Gesang, ein bisschen entspannte Rockgitarre und ein Hauch von R&B-Groove, fertig ist die Laube. Selbst wenn jeder seinen Lieblingssong ein wenig in die eine oder andere Richtung drängt, bleibt die Konstruktion insgesamt stabil und wirkt nicht wie eine zufällige Ansammlung von B-Seiten der jeweiligen Bands. BNQT macht eher den Eindruck, dass alle Beteiligten endlich das machen dürfen, was sie schon lange machen wollten, ohne die gewachsenen Erwartungen erfüllen zu müssen. Jedenfalls haben sie ein Album aufgenommen, das mit den meisten Veröffentlichungen ihrer bisherigen Projekte locker mithalten kann. Und das ist für eine Supergroup ja erfahrungsgemäß ein Riesenerfolg.