Aldous Harding – Party (2017)

Aldous Harding aus Neuseeland hat auf ihrem zweiten Album einen Riesensprung gemacht. Ihre minimalistisch arrangierten Folksongs sind nicht nur extrem leise und dunkel, sondern auch dynamisch und voller Leben.

Party

VÖ: 19.5.2017 auf 4AD
Klingt fast ein bisschen wie: Nico, Weyes Blood, Andy Shauf
Stichworte: Nachts / Regen / Rotwein / Alleine

Neuseeland ist immer noch ein bisschen das unentdeckte Land der englischsprachigen Popwelt. Aldous Harding wird das nicht alleine ändern können, aber der berechtigte Hype um ihr zweites Album Party ist zumindest mal wieder so etwas wie ein Lebenszeichen. Während ihr selbstbetiteltes Debüt 2015 noch unter dem etwas gekünstelten Etikett “Gothic Folk” gelitten hatte, ist ihr mit Songs wie Imagining My Man der Übergang zu einer selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit gelungen.

Wäre da nicht diese glasklare, mikroskopisch genaue Produktion, könnte diese Musik direkt aus der dunkleren Hälfte der britischen Folkszene aus den 60ern kommen. Ein guter soundtechnischer Kniff, um übertriebene Retromanie zu vermeiden und nicht nur den besonderen Charakter von Aldous Hardings Stimme und Phrasierung, sondern auch die extrem detailverliebte Kammer-Instrumentierung und die daraus resultierende Intimität herauszuarbeiten. So gelingt ein Album, dass den anhaltenden Trend zu altmodischer Hallsuppe und Lo-Fi mutig links liegen lässt und trotzdem oder gerade deshalb mit seiner zeitlosen Schönheit aus der Masse der Veröffentlichungen in diesem Bereich herausragt.

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The Deslondes – The Deslondes (2015)

Als The Deslondes 2015 ihr erstes Album veröffentlichten, hatten die Mitglieder sowohl musikalisch als auch menschlich schon einiges erlebt. Das Ergebnis sind handwerklich beeindruckende Songs zwischen Country und Soul, die aus dem tiefsten Inneren der Musiker und des ländlichen Amerikas kommen.

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VÖ: 9.6.2015 auf New West
Klingt fast ein bisschen wie: Hank Williams, The Gourds, Huey Smith
Passt gut zu: Lampions, Grillparty, Bourbon

New Orleans ist nicht gerade als Country-Mekka bekannt. Solche Verallgemeinerungen sind aber immer mit Vorsicht zu genießen, denn erstens haben Leute wie Huey “Piano” Smith in der Stadt schon immer “weiße” und “schwarze” Musik vermischt. Und zweitens soll es ja auch Dönerläden geben, die eine ganz anständige Pizza machen. In der heruntergekommenen Deslonde Street haben sich jedenfalls ein paar echte Nerds zusammengefunden, die bislang mit soliden, aber weitgehend erfolglosen Projekten wie The Tumbleweeds ihre Lehrjahre verbracht haben. Dabei haben sie offensichtlich alle wahnsinnig viel Musik gehört und gemacht, denn ihr Debüt in der neuen Konstellation klingt, als hätten sich die fünf seit den 50ern als Straßenmusikanten durchgeschlagen und dabei nicht nur ganz viel Staub gefressen und Scheiße erlebt, sondern auch alle Spielweisen zwischen Roots Soul und Nashville Country von der Pike auf gelernt, umgerührt und in einen unverkennbar eigenen Bandsound gegossen. Ein Album wie eine enzyklopädische Abhandlung über die unendlichen Weiten der Musik des ländlichen Amerikas, über alle vermeintlichen ethnischen oder stilistischen Barrieren hinweg.

Das zweite Album “Hurry Home” erscheint am 23.6.2017 auf New West!

Valerie June – The Order of Time (2017)

Valerie June

VÖ: 10.3.2017 auf Concord
Klingt fast ein bisschen wie: Margo Price, Alabama Shakes, Rolling Stones (Sticky Fingers)
Passt gut zu: Schaukelstuhl, Veranda, Eistee

Manchmal kann ein erfolgreiches und von den Kritikern hochgelobtes Debütalbum auch eine schwere Bürde sein. 2013 kam Valerie June aus dem Nichts mit Pushin’ against a Stone um die Ecke und gewann damit nicht nur so ziemlich jeden Newcomer-Preis unterhalb des Grammys, sondern auch sehr viele Herzen, aber dann wurde es lange still um die gefeierte Newcomerin. Nun gibt es endlich das zweite Album der jungen Frau aus Tennessee, und auch dieses ist ein fantastisches Panoptikum der nordamerikanischen Volksmusik, wie es eigentlich nur in Memphis entstehen kann. Nicht zufällig hat Elvis dort, an der Schnittstelle des amerikanischen Heartlands, mit Zutaten aus den Appalachen, den Südstaaten und den Ebenen des mittleren Westens die Urformel der Popmusik gepanscht, die bis heute Bestand hat.

Valerie June sucht aber nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern das große Ganze in seiner unüberschaubaren Vielfalt. Sogar die Wurzeln der einzelnen Musikströme in afrikanischen, europäischen und uramerikanischen Traditionen bahnen sich hier und da ihren Weg ans Tageslicht, und Valerie schafft es mit ihrem enigmatischen Gesang, allen eine Stimme zu geben. Ein Album, so unfassbar weit und schrecklich schön wie die Prärie.

Laura Marling – Semper Femina (2017)

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VÖ: 10.3.2017 auf More Alarming
Klingt fast ein bisschen wie: Beth Gibbons, Sufjan Stevens, Nick Drake

Nachdem Laura Marling auf Short Movie erste Gehversuche als Produzentin unternahm, geht sie auf ihrem mittlerweile sechsten Album noch ein paar Schritte weiter. Semper Femina ist ein klassisches Konzeptalbum, das vor allem von Beziehungen zwischen Frauen handelt und ganz unterschiedliche Geschichten erzählt. Und obwohl sich Laura hier und da immer noch allein mit der Akustikgitarre begleitet, werden fast alle Songs spezifisch instrumentiert und stilistisch zugespitzt. Von zuckersüßen, minimalistischen Folkballaden über rollende Countrysongs bis hin zu jazzigen Grooves ist alles möglich und mehr oder weniger durchschaubar auf die Inhalte abgestimmt.

Einerseits ist es faszinierend, wie mühelos sie in wenigen Jahren den langen Weg vom ferngesteuerten Myspace-Sternchen zur autonom agierenden Popkünstlerin zurückgelegt hat. Andererseits ist Laura Marling eine der wenigen, die theoretisch auf die ganze Produktionsmagie verzichten könnten und auf Albumlänge nur mit ihrer Stimme und ein paar Gitarrenakkorden zu überzeugen wissen. Dementsprechend werden sich die zahlreichen Puristen unter ihren Fans schwer tun und den ein oder anderen Song als überladen empfinden. Allerdings hat Laura Marling wie jede Künstlerin das Recht darauf, ihren künstlerischen Visionen unabhängig von äußeren Erwartungen nachzugehen. Das tut sie mit einem klaren Ziel, einem relevanten Thema, ganz viel Fingerspitzengefühl und einem Hauch Extravaganz, der aus einem ambitionierten Album ein bezauberndes macht.

Holly Macve – Golden Eagle (2017)

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VÖ: 3.3.2017 auf Bella Union
Klingt fast ein bisschen wie: Julia Jacklin, Lana del Rey, Marla
Passt gut zu: Sonnenuntergang, Whisky, Zigaretten

Holly Macve kommt aus Irland, lebt in England, sieht superstarmäßig aus und ist erst 21. Glaubt man ihren zahlreichen Kritikern, darf sie deshalb keine düsteren Countryballaden schreiben. Das können ja bekanntlich nur alte, hässliche Männer aus der amerikanischen Provinz. Tatsächlich fällt Golden Eagle durch, wenn man es an den großen Klassikern des Genres misst, welches Album würde das nicht. Aber derartige Vergleiche verkennen, dass Holly Macve offensichtlich nicht der neue Johnny Cash sein will, sondern einfach melancholischen, nostalgischen Pop mit einem dezidierten Western-Thema macht. Wer sich auf diese Sichtweise einlässt, darf eintreten in eine sepiafarbene Welt mit einer unglaublich dichten Atmosphäre und großartig erzählten Geschichten über Geisterstädte, Tumbleweeds, Outlaws und gebrochenen Herzen.

Julie Byrne – Not even Happiness (2017)

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VÖ: 13.1.2017 auf Ba Da Bing
Klingt fast ein bisschen wie: Joni Mitchell, Jessica Pratt, Joan Shelley
Passt gut zu: Morgensonne, Auenland, Frühstückstisch

Auf ihrem ersten offiziellen Album zeigt Julie Byrne, dass sie nicht nur eine begnadete Gitarristin und Sängerin ist, sondern auch eine der vielversprechendsten Songschmiedinnen in ihrem Alter. Man sollte sich nicht von dem auf den ersten Blick fast zu ungetrübten Wohlklang täuschen lassen, denn zwischen ihren sanft gehauchten Zeilen und schwebend gezupften Akkorden lauern auch immer wieder Untiefen. Und obwohl Julie klar erkennbar verwurzelt ist in der amerikanischen Folktradition, klingt sie nie altmodisch oder reaktionär. Wer mal wieder Lust hat auf eine tiefenentspannte Platte, die fast komplett ohne Schlagzeug auskommt, ist hier goldrichtig.