Haley Heynderickx – I need to start a garden: Folksongs von einem anderen Stern

Haley Heynderickx aus Portland blickt mit den fragilen Preziosen auf ihrem Debüt zwar ganz tief in ihr Innenleben, die überragende Performance katapultiert sie aber auf Anhieb in die höchsten Sphären des Folk-Universums.

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2.3.2018 / Mama Bird Recording Company

Introvertierte Folkplatten schießen zur Zeit wie Pilze aus dem Boden. Denn erstens sprechen diese der Generation „Neo-Biedermeier“ aus dem Herzen, die stets auf der Suche nach dem passenden Soundtrack für das Cocooning-Wochenende in der Altbauwohnung mit „schön Kochen“ und „gemütlich Lesen“ ist. Zweitens ist die Studioproduktion günstig, die Kosten für die Tour sind überschaubar und die Chancen auf ein Listing in erfolgsversprechenden Playlists wie „Kaffeehausmusik“ stehen gut. Das Revival der Singer/Songwriter entlarvt also vor allem das gegenwärtige Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität, sowohl bei den Konsumenten als auch auf Seiten der Musikindustrie. Tatsächlich haben jedoch die wenigsten Beiträge zu dieser Welle genügend Substanz, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Das gelingt Haley Heynderickx vor allem dadurch, dass sie die Grenzen des Genres immer wieder herausfordert, überwindet und schließlich stilistisch weit darüber hinauswächst.

Dabei hat diese Musik so gar nichts rebellisches, aufständisches, sie fließt eher gleichmäßig und natürlich vor sich hin wie ein klarer Bach in den Bergen. Diese phlegmatische Distanz könnte darauf zurückzuführen sein, dass Haley Heynderickx  bereits drei mal an der Produktion ihres ersten Albums scheiterte und immer wieder bei Null anfangen musste. Umso erstaunlicher ist deshalb die expressiven Qualität ihrer Performance, die in keinem Moment die Spannung verliert. Haley Heynderickx deutet an, dass sie eines Tages zu den ganz Großen der Folkmusik stoßen könnte und schenkt uns ein nicht nur eine großartige Platte zum Zuhören und Durchatmen, sondern auch eines der beeindruckendsten und charakterstärksten Debüts der letzten Monate.

Wer bei diesem Album vom nächsten Wanderurlaub träumt, trinkt den Filterkaffee am morgen vielleicht auch gerne zu diesen Platten:
Bedouine – Bedouine (2017)
Tara Jane O’Neil – Tara Jane O’Neil (2017)
The Weather Station – The Weather Station: Intimer Folk mit elektrischen Impulsen