Michael Nau – Some Twist (2017)

Ob mit Page France, Cotton Jones oder seit einem Jahr als Solokünstler: Wenn Michael Nau beteiligt ist, werden nicht nur eingefleischte Fans von psychedelisch angehauchtem Indie Folk glücklich. Auf Some Twist wagt er einige Ausflüge in soulige Gefilde und überzeugt damit auf der ganzen Linie.

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VÖ: 16.6.2017 auf Full Time Hobby
Klingt fast ein bisschen wie: Cotton Jones, Whitney, Otis Redding
Stichworte: Nachmittags / Sonne / Limonade / Mit Freunden

Erst vor etwas mehr als einem Jahr entschied sich Michael Nau, seine im Laufe seiner langen Karriere als Bandmusiker gesammelten Solowerke ab sofort unter einem neuen, eigenen Künstlernamen zu veröffentlichen. Obwohl es solchen Sammlungen häufig an Kohärenz mangelt, wurde die Platte mit dem vielsagenden Titel Mowing zu Recht auch als stimmiges Debütalbum wahrgenommen. Nun also das eigentliche Debüt mit neuem, eigens komponierten Material, das in Form der unglaublich eingängigen Vorab-Singles Good Thing und I Root angeteasert wurde.

Auf Some Twist bleibt sich der neue Michael Nau in vielerlei Hinsicht treu. Allerdings ist zu spüren, dass er sich teilweise wieder dem charakteristischen Sound seiner wohl erfolgreichsten Band Cotton Jones annähert, von dem er sich auf dem relativ trocken produzierten Debütalbum recht weit entfernt hatte. Nun schweben seine warme Stimme und die herrlich altmodischen Instrumente wieder in einem golden Film aus Hall und Staub, so als würde man die Welt durch eine alte Sonnenbrille sehen. Alles glitzert und knistert, so wie die Luft, das Wasser und der Boden an einem heißen Nachmittag auf dem Land. Zu den entspannt gleitenden Folknummern gesellen sich nun auch einige Songs, bei denen Michael am Mikrofon etwas mehr wagt und seinen reduzierten Texten die ein oder andere Extrasilbe zugesteht. Der Groove nimmt dann ein wenig an Fahrt auf und erinnert fast ein bisschen an alte Soulnummern. Durch diesen Schritt erhält das Album ein wenig mehr Tiefe als sein Vorgänger und eignet sich hervorragend, um sich zahlreiche Sommertage musikalisch zu versüßen.

Aldous Harding – Party (2017)

Aldous Harding aus Neuseeland hat auf ihrem zweiten Album einen Riesensprung gemacht. Ihre minimalistisch arrangierten Folksongs sind nicht nur extrem leise und dunkel, sondern auch dynamisch und voller Leben.

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VÖ: 19.5.2017 auf 4AD
Klingt fast ein bisschen wie: Nico, Weyes Blood, Andy Shauf
Stichworte: Nachts / Regen / Rotwein / Alleine

Neuseeland ist immer noch ein bisschen das unentdeckte Land der englischsprachigen Popwelt. Aldous Harding wird das nicht alleine ändern können, aber der berechtigte Hype um ihr zweites Album Party ist zumindest mal wieder so etwas wie ein Lebenszeichen. Während ihr selbstbetiteltes Debüt 2015 noch unter dem etwas gekünstelten Etikett “Gothic Folk” gelitten hatte, ist ihr mit Songs wie Imagining My Man der Übergang zu einer selbstbewussten Künstlerpersönlichkeit gelungen.

Wäre da nicht diese glasklare, mikroskopisch genaue Produktion, könnte diese Musik direkt aus der dunkleren Hälfte der britischen Folkszene aus den 60ern kommen. Ein guter soundtechnischer Kniff, um übertriebene Retromanie zu vermeiden und nicht nur den besonderen Charakter von Aldous Hardings Stimme und Phrasierung, sondern auch die extrem detailverliebte Kammer-Instrumentierung und die daraus resultierende Intimität herauszuarbeiten. So gelingt ein Album, dass den anhaltenden Trend zu altmodischer Hallsuppe und Lo-Fi mutig links liegen lässt und trotzdem oder gerade deshalb mit seiner zeitlosen Schönheit aus der Masse der Veröffentlichungen in diesem Bereich herausragt.

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Wooden Wand – Clipper Ship (2017)

James Jackson Toth hat jahrelang mit verschiedenen Besetzungen experimentiert, bevor sein Folk-Projekt Wooden Wand 2014 so langsam Gestalt annahm. Nun hat er endlich einen Weg gefunden, seine unbändige Kreativität in den Dienst des Albumformats zu stellen.

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VÖ: 5.5.2017 auf Three Lobed
Klingt fast ein bisschen wie: Neil Young, Iron & Wine, Adam Torres
Passt gut zu: Abendrot, Schaukelstuhl, Pfeifenrauch

Wooden Wand ist ein Alptraum für jeden Musikjournalisten, denn die ständigen Umbenennungen, Besetzungswechsel und Kollaborationen machen es fast unmöglich, lesbar über die Projekthistorie zu schreiben. Mastermind James Jackson Toth bevorzugte es eben jahrelang, in Jazzer-Manier ein paar Musiker zu einer Session einzuladen und die improvisierten Ergebnisse zur großen Freude der Fans von Freak Folk und New Weird America in relativ kurzen Zeitabständen als Platte zu veröffentlichen. Ein Konzept, dass er mit dem deutlich strukturierteren 2014er Album Farmer’s Corner schon in Frage stellte und nun komplett über den Haufen warf.

Auf Clipper Ship geht der New Yorker nämlich den entscheidenden Schritt und legt seine bisher beste Veröffentlichung vor, nicht zuletzt dank drei Jahre harter Arbeit, viel Geduld und einem Gespür für den besonderen Reifungsprozess, den musikalisches Material oft erst entwickeln kann, wenn man es eine Weile ruhen lässt. Vor allem aber wird die fantastische Akustikgitarrenarbeit nicht wie früher von vermeintlich originellen Instrumenten und Schlagwerk zugekleistert, sondern nur punktuell mit Klangflächen im Hintergrund kontrastiert. Das Ergebnis klingt wahnsinnig rund und bringt endlich das große lyrische Talent Toths zum Vorschein, dessen Songs in dieser Form auch mit Klassikern des akustischen Folkrocks der 70er Jahre mithalten können. Ein Album, das auf ansteckende Weise in sich selbst ruht und eine urgemütliche Stimmung verbreitet.

Mac DeMarco – This Old Dog (2017)

2014 gelang dem Kanadier Mac DeMarco mit genialen Songs und einem ganz eigenen, schrammeligen Sound der große Durchbruch. Auf seinem neuen Album beweist er endgültig, dass er zu den besten und variabelsten Songwritern unserer Zeit gehört und dabei weiterhin unverwechselbar bleibt.

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VÖ: 5.5.2017 auf Captured Tracks
Klingt fast ein bisschen wie: Homeshake, John Andrews, Travis Bretzer
Passt gut zu: Morgensonne, Home Office, Filterkaffee

Kaum zu glauben, dass sein epochales Breakthrough-Album Salad Days schon drei Jahre alt ist, so frisch und unverbraucht hört es sich bis heute an. Und normalerweise finden derartige Erfolge schnell eine Reihe Nachahmer, die viele Ideen bis zum geht nicht mehr durchkauen. Aber irgendwie hat sich niemand an Mac DeMarcos ausgebleichten, verspulten Songwriter-Pop herangetraut. Kein Wunder, denn sein spezifischer Tonfall zwischen messerscharf durchdachtem Songwriting und gekonnt schrammeliger Ausführung ist gar nicht so leicht zu treffen. Und so muss der inzwischen ins sonnige LA weitergezogene Kanadier selbst dafür sorgen, dass sein letztes Album als Referenzwerk einer Musikrichtung abgelöst wird.

So etwas ist wahrlich keine leichte Herausforderung, und viele große Künstler sind immer wieder daran gescheitert. Manche versuchten vergeblich, unmittelbar anzuknüpfen an das bewährte Erfolgsmodell, andere erlitten Schiffbruch beim Versuch, sich neu zu erfinden. Nicht so Mac DeMarco, der in den letzten drei Jahren nicht nur ununterbrochen auf Tour war, sondern nebenbei auch als Künstler und Mensch merklich gereift ist und vor allem eine Menge zu erzählen hat. Über seine Familie und Freunde, über sich und die große Einsamkeit, aber auch über die kleinen und großen Freuden, die einem begegnen, wenn man mit offenen Augen durch diese verrückte Welt geht. Das hat etwas unbedarftes, die entwaffnende Ehrlichkeit eines kleinen Jungen, der von zuhause ausgerissen ist und bei aller Naivität eine in sich stimmige Sicht auf die Dinge offenbart.

Musikalisch wurde die Welt auf dieser Platte nicht neu erfunden, die Weiterentwicklung des typischen DeMarco-Sounds ist schließlich immer linear und nie schrittweise verlaufen. Der neue Blickwinkel sorgt aber automatisch für neue Klänge, denn wie schon auf Salad Days zeichnet sich das Songwriting dadurch aus, dass jeder Song ein eigenes passendes musikalisches Kleid bekommt, wie einen kleinen Soundtrack zu einer Kurzgeschichte. Tendenzen lassen sich doch festmachen, wie zum Beispiel der unverkennbare Einfluss des jahrelangen Musizierens mit Peter Sagar von Homeshake, dessen schräge Akkorde und eiernde Synthies das Klangspektrum ganz natürlich ergänzen. Und so gelingt mit This Old Dog ein unaufgeregtes Meisterwerk, das Mac DeMarcos exponierte Stellung als einer der wichtigsten Songwriter unserer Zeit unterstreicht und sowohl Fans als auch Neuinteressierten noch lange viel Vergnügen auf höchstem Niveau bereiten wird.

Feist – Pleasure (2017)

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VÖ: 28.4.2017 auf Interscope/Polydor
Klingt fast ein bisschen wie: Natalie Prass, St. Vincent, Dirty Projectors
Passt gut zu: Kopfhörer, Couch, Rotwein

Nach ungefähr 30 Sekunden ist schon klar, dass Feist endlich mal wieder ein wirklich überzeugendes Album gemacht hat. Schwer zu sagen warum, aber die ersten paar Töne und die Art wie sie angeschlagen werden und viele andere nicht, lässt die folgende Großartigkeit schon erahnen. Diese Musik lässt sich nicht nebenbei hören oder in Playlisten aufteilen, sie verlangt die volle Aufmerksamkeit und belohnt dann mit einer fast unbeschreiblichen Achterbahnfahrt aus Gefühlen und Stilmitteln, die von der Kanadierin so nicht zu erwarten waren. Denn nach dem grandiosen Start mit Let it die (2004) kam wie bei vielen Kollegen nicht nur der große Erfolg, sondern auch eine Reihe von mäßig inspirierten und teilweise überproduzierten Alben. Dabei hat Feist wie ganz wenige die Fähigkeit, mit der extrem feinen Dynamik von Gesang und Instrumenten minimalistische Songskizzen in schillernde kleine Kunstwerke mit bedrohlichen Ecken und Kanten zu verwandeln. Auch wenn viele Fans enttäuscht sein werden, beschert diese Platte mit dem treffenden Titel Pleasure schon beim ersten Hören großes Vergnügen und wird immer besser, je mehr man sich in den oft überraschenden Songstrukturen zu orientieren weiß. Ein fantastisches Album, das zu Recht und nicht nur aufgrund der Prominenz seiner Schöpferin auf den Bestenlisten dieses Jahres ganz weit oben landen wird.

Mothers – When you walk a long distance, you are tired (2016)

Mothers

VÖ: 19.2.2016 auf Grand Jury Music
Klingt fast ein bisschen wie: Joanna Newsom, Angel Olsen, Nedelle Torrisi
Passt gut zu: Mittagsruhe, Schokolade, Blumen

Mothers ist eine ganz besondere Band und das hier ist ein ganz besonderes Debüt. Diese Musik ist so fragil und niedlich, dass man schon ganz genau hinhören muss. Wer die Platte aber an sich heranlässt und sie aus der Nähe betrachtet, erlebt sein blaues Wunder. Denn die Songs sind jeder für sich so tief wie ein Ozean und repräsentieren verschiedene Zugänge zur Konfrontation mit inneren Prozessen, die wir normalerweise ganz gerne aus unserem Alltag verbannen.

Abgesehen von dieser psychologischen Komponente liefert die Band aber einfach wahnsinnig gutes Kunsthandwerk ab. Jeder Akkord wird aus handverlesenen Tönen zusammengesetzt und löst sich wieder genau dort auf, wo das außerirdische Stimmchen von Songschmiedin Kristine Leschper mal wieder ganz viel Raum braucht. Diese luftige Qualität schafft die entscheidende Distanz zur amerikanischen Tradition, die irgendwo im Hintergrund verschwommen da ist, aber dem kreativen Zusammenspiel nie in die Quere kommt. Für Freunde von leisen Tönen vielleicht eine der besten Platten des Jahres 2016.

John Andrews & The Yawns – Bad Posture (2017)

Bad Posture

VÖ: 10.3.2017 auf Woodsist
Klingt fast ein bisschen wie: Wilco, Michael Nau, Beatles
Passt gut zu: Einfahrt, Lampions, Grillparty

John Andrews ist und bleibt von Herzen ein Hinterwäldler, auch wenn er jetzt aus dem Amish Country in Pennsylvania in die vergleichsweise zivilisierten Hügel von New Hampshire umgezogen ist. Eine Veränderung, die sich auch musikalisch niederschlägt. Denn im Vergleich zum unglaublich guten, aber doch sehr verschrobenen Debütalbum Bit by the Fang (2015) ist Bad Posture schon deutlich zugänglicher, vor allem weil der Einsatz von Effekten reduziert wurde und die fantastisch klingenden Instrumente wie Gitarre, Rhodes und Piano richtig glänzen dürfen. Eine gewisse Schrägheit ist aber immer noch da und ergänzt sich wunderbar mit dem unglaublich ländlichen Feeling und dem stets etwas verpennten, schleppenden Groove. Und hier und da nimmt das Ganze auch eine poppige Wendung, wie sie Paul McCartney nicht besser hinbekommen hätte. Wenn John Andrews sich in diese Richtung weiterentwickelt, ohne sich selbst zu verleugnen, könnte mit den nächsten Album der ganz große Durchbruch gelingen.