Courtney Barnett & Kurt Vile – Lotta Sea Lice: Musikgewordenes Slackertum

Courtney Barnett und Kurt Vile sind als Solokünstler inzwischen über jeden Zweifel erhaben. Nun haben sie ein gemeinsames Album aufgenommen, das zwar nicht ganz an die Qualität ihrer letzten Werke herankommt, aber dennoch eine bemerkenswerte Sammlung von Songs darstellt.

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13.10.2017 / Matador Records

Obwohl der Trend zu Duetten, Kollaborationen und Features auch vor der Indiewelt nicht Halt macht, ist ein gemeinsames Album von zwei Superstars ziemlich ungewöhnlich. Das hast allein schon mal organisatorische Gründe, denn alles vom Management über die Labels bis zu den Konzertagenturen muss in diesem Fall aufwändig synchronisiert werden. Das hat Kurt Vile nicht davon abgehalten, einen Song für Courtney Barnett zu schreiben und ihr damit die Einladung zur Zusammenarbeit die läppischen 10.000 Internetmeilen von Philadelphia nach Australien zu schicken. Glaubt man der offiziell kolportierten Backstory, so handelte es sich dabei um die erste Vorabsingle Over Everything. Und dass Courtney Barnett auf das Angebot einging, ist angesichts des entwaffnenden Charmes der Nummer immerhin glaubwürdig.

Auf Albumlänge macht sich nach diesem fulminanten Manifest des rockmusikgewordenen Slackertums erst mal so etwas wie Ernüchterung breit. Das klingt irgendwie alles gleich, so als hätte die Schnittmenge zwischen den beiden einfach nicht mehr hergegeben als Midtempo-Geschrammel mit den für beide typischen halb gesprochenen, nun eben auf zwei Stimmen aufgeteilte Anti-Melodien. Doch bei genauerem Hinhören entwickelt sich zumindest im Detail doch noch ein ergiebiger künstlerischer Dialog der beiden. In vielen Songs scheint sich ein spielerischer Streit um die musikalische Vorherrschaft niederzuschlagen, oft mit offenem Ausgang. Der Schleier der Langeweile verfliegt zunehmend, und wer mit den Soloalben der beiden etwas anfangen konnte, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch an dieser ungewöhnlichen Platte erfreuen können.

 

 

The War on Drugs – A Deeper Understanding (2017)

Drei Jahre nach dem epochalen “Lost in the dream” sind die Erwartungen für die langerwartete vierte Platte extrem hoch. Aber The War on Drugs lassen nichts anbrennen und liefern einen in jeder Hinsicht adäquaten Nachfolger ab, der auch überraschende Seiten hat.

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VÖ: 25.8.2017 auf Atlantic Records
Referenzen: Bruce Springsteen, Dire Straits, Tom Petty
Stichworte: Abends / Sonne / Bier / Freunde

Es gab durchaus Grund zur Sorge, dass The War on Drugs nach dem Erfolgsalbum Lost in the dream und dem unvermeidlichen Wechsel zu einem Major Label beim Sound und vor allem der Länge der Songs Kompromisse machen müssen. Die Erleichterung war deutlich zu spüren, als jeder der vorab online veröffentlichten Songs das herkömmliche Radioformat um ein vielfaches überschritt und keineswegs auf das für die Band typische, minutenlange atmosphärische Wabern von Gitarrenechos und Synthieflächen verzichtete. Keine böse Überraschung also, und man darf Mastermind Adam Granduciel durchaus dazu gratulieren, dass er sich auch noch für die nächste Platte vertraglich die alleinige künstlerische Entscheidungsgewalt hat zusichern lassen. Nach weit über zehn Jahren mäßig erfolgreicher, aber immer mit vollem Herzen ausgeübter Tätigkeit als Rockmusiker mit sinnlosen Nebenjobs in schäbigen Bars hat er es mehr als jeder andere verdient, für ein paar Jahre anständig allein dafür bezahlt zu werden, dass er zwei Jahre im Studio Musik macht und das Ergebnis zur Veröffentlichung freigibt.

Und so ist das einzige Zugeständnis an die Welt der Major Labels, dass fünf der zehn Songs schon vor dem eigentlichen Album-Release online gestreamt werden konnten. Mir persönlich hätten drei Songs gereicht, um die nötige Vorfreude zu entwickeln und mich auf ein zusammenhängendes Hörerlebnis am Erscheinungstag zu freuen. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, denn Plattenverträge können bekanntlich weitaus desaströsere Auswirkungen haben. Mit dem ersten offiziellen Video Holding On stellten The War on Drugs jedenfalls klar, dass sie musikalisch noch die alten sind. Mal wieder ist der Titel Programm, die refrainartig wiederkehrende Zeile Keep keepin’ on illustriert, worum es Adam und seinen Freunden geht: Weitermachen, zurechtkommen, sich selbst treu bleiben. Und da deutet sich auch schon an, dass nach der stellenweise desolaten Melancholie des Vorgängers nun auch versöhnlichere Klänge möglich sind.

Der optimistischere Blick auf das eigene Schicksal ist natürlich auch den veränderten Lebensumständen der Musiker geschuldet, die nach Jahrzehnten der prekären Lebensweise mit Anfang vierzig endlich mal durchatmen können. So etwas lässt sich nicht wegwischen und darf auch hörbar werden, solange es nicht in behäbige Selbstzufriedenheit ausartet. Natürlich werden einige Fans enttäuscht sein, vor allem diejenigen, die in der Band zuletzt vor allem verlässliche Freunde und Leidensgenossen in dunklen, einsamen Stunden gesehen haben.

Das Nirgendwo zwischen der klaustrophobischen Enge der Melancholie und den unendlichen Weiten des Klangs, in dem man sich zuvor verlieren konnte, löst sich auf A Deeper Understanding jedenfalls zunehmend auf. Das neue Zuhause der Band ist ein Rückzugsraum, in dem man sich durchaus wohlfühlen kann, der aber weder die Mühen seiner Erbauung noch die Spuren einer dunklen Vergangenheit verleugnet. Dementsprechend wurde die Palette an Sounds und Stimmungen nur behutsam erweitert. Dort, wo ein Saxophon, ein Glockenspiel oder ein balladeskes Vorspiel auf dem elektrischen Klavier uns beim ersten Hören noch fremdeln lässt, da ist das neue Element bei der zweiten Begegnung schon voll integriert in unsere Vorstellung dessen, was den Sound dieser Band ausmacht. Und spätestens ab dem dritten mal will man diese kleinen Schritte nicht mehr missen, ist man froh, dass es weitergeht.

Natürlich ist es fast unmöglich, nach einem epochalen Album gleich wieder für ein ähnliches Aha-Erlebnis zu sorgen. Ebenso schwierig ist es, an ein stimmungsvolles Album unmittelbar anzuknüpfen, ohne ein überflüssiges Sequel zu produzieren. The War on Drugs sind weise genug, einen unaufgeregten Mittelweg zu gehen und sich nicht von den äußeren Erwartungen beeinflussen zu lassen. Sie haben sich hingesetzt und ein Album aufgenommen, das zumindest so klingt als sei nichts gewesen. Das Ergebnis ist ein lebensfroher kleiner Bruder zu ihrem düsteren Meisterwerk und isoliert betrachtet immer noch eine fantastische Veröffentlichung, die allenfalls hinsichtlich ihrer popkulturellen Wirksamkeit hinter Lost in the dream zurückbleibt. A Deeper Understanding ist ein Album, das sehr vielen Menschen den Soundtrack zum nächsten Abschnitt ihres Lebens liefert und den Ruf von The War on Drugs als bedeutendste Rockband unserer Zeit weiter zementiert.

The War on Drugs – Lost in the dream (2014)

Mit ihrem dritten Album “Lost in the dream” schafften The War on Drugs 2014 den Sprung vom Geheimtipp zu einer international erfolgreichen Band. Verdientermaßen, denn die Platte ist nicht nur ihre bisher beste, sondern könnte sich sogar als Wendepunkt in der Entwicklung der Rockmusik herausstellen.

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VÖ: 17.3.2014 auf Secretly Canadian
Referenzen: Dire Straits, Bruce Springsteen, Tom Petty, Don Henley
Stichworte: Nachts / Regen / Whisky / Alleine

Nach dem Ausstieg von Quasi-Frontmann Kurt Vile, der kurze Zeit später mit einem großartigen Solo-Debüt durchstarten sollte, wurde es zunächst ruhig um die fast schon alteingesessene Band aus Philadelphia. Viele hatten The War on Drugs wohl schon abgeschrieben, als mit Lost in the dream das erste Album unter der Federführung des bis dato eher zweitrangigen Gitarristen Adam Granducziel erschien. Im Vergleich zu den vorangegangenen Produktionen setzte man auf einen teuren und perfektionistischen Vintage-Sound, der sich deutlich hörbar an den großen Hochglanzproduktionen des analogen Zeitalters orientiert. Zusammen mit einem Hauch Americana-Feeling, unzähligen verhallten Gitarren in gigantischen Echoschleifen und dem durchaus melodischen, aber eher sporadischen und meistens genuscheltem Gesang führten die weit über das Radioformat hinausgehenden Songs zu Vergleichen mit zahlreichen legendären Gestalten der Rockmusikgeschichte.

Das ist zunächst ein mal harter Tobak, aber tatsächlich sind diese Vergleiche mit unhippen grauen Eminenzen, die zum Zeitpunkt des Erscheinens von vielen noch als Kritik verstanden wurden, nicht zu hoch gegriffen. Im Gegenteil, die Qualitäten von The War on Drugs gehen weit über den virtuosen Rock-Klassizismus hinaus, der inzwischen viele Bands konkreten Vorbildern aus den 70ern nacheifern lässt. Hier werden die alten Muster nicht einfach kopiert und der Sound archäologisch nachgebildet, sondern in ein eindeutig im Heute verorteten Netz subjektiver Melancholie eingewoben. Lost in the dream ist deshalb ein außergewöhnlich passender Titel, weil er nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf kulturphänomenologischer Ebene die Identität dieses Albums reflektiert. The War on Drugs verlieren sich buchstäblich in den Echoräumen des amerikanischen Traums, und ihre künstlerische Beschäftigung mit diesem Gefühl ist nicht nur brandaktuell, sondern auch spartenübergreifend eine der intensivsten, gelungensten und auch schönsten Versuche überhaupt, dem mythischen Kern dieser tragischen Verfallsgeschichte beizukommen.

Eine weitere, vielleicht entscheidende Qualität dieser Platte ist wahrscheinlich auch die krachende Absage an die verwertungslogisch konzipierten Formate der heutigen Zeit. Es gibt von allen Liedern Maximalversionen mit ausufernden Intros und Outros, unübersichtlichen Übergängen und endlosen Instrumentalparts. So etwas trägt normalerweise leider nicht nur zur atmosphärischen Dichte des Albums bei, sondern schreckt oft auch einen Großteil der Radiomacher und Playlist-Kuratoren und damit indirekt auch viele Plattenkäufer ab. Normalerweise, denn The War on Drugs machen dieser Kalkulation einen fetten Strich durch die Rechnung und sammeln Abermillionen Streams und Radioplays sowie abertausende verkaufte physische Einheiten ein, vor allem auf Vinyl. Es geht also doch, man muss “nur” zehn gute Lieder machen, die inhaltliche Relevanz, Innovation und die Verbindung zu den Traditionsfeldern der Rockmusik miteinander in Einklang bringen, anstatt sie kurzerhand als Widerspruch zu brandmarken. Eigentlich ganz einfach zu verstehen, aber doch schwer umzusetzen in einer Industrie, die Musik seit Jahren vermarktet wie Scherzartikel: Hier schau mal, so etwas hast du noch nicht gesehen.

The War on Drugs knüpfen an die goldenen Zeiten der Rockmusik an, weil sie wie Großteile des Publikums eine intensive Auseinandersetzung mit diesen pflegen und von dieser gemeinsamen Basis aus nach vorne schauen. Ganz nebenbei leiten sie damit etwas ein, was sich hoffentlich in einigen Jahren nicht nur als kurzlebiger Trend, sondern als Renaissance des Albums herausstellen wird. Für mich als Musikhörer war die Begegnung mit dieser Platte nicht weniger als ein Erweckungserlebnis, das letztlich den Grundstein gelegt hat für meine Auseinandersetzung mit dem Albumformat und damit auch für diesen Blog. Unabhängig von meinem persönlichen Empfinden zögere ich außerdem nicht, Lost in the dream zu den wichtigsten Platten unserer Zeit und zu den besten Platten aller Zeiten zu zählen.

Big Thief – Capacity (2017)

Nur ein Jahr nach ihrem überragenden Debütalbum bringen Adrienne Lenker und ihre Freunde schon die zweite Platte heraus. Wenn sie weiterhin so gute Songs schreibt, darf das Quartett diesen Rhythmus gerne beibehalten.

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VÖ: 9.6.2017 auf Saddle Creek
Klingt fast ein bisschen wie: Angel Olson, PJ Harvey, Mitski
Stichworte: Nachts / Regen / Whisky / Alleine

Es ist etwas ungewöhnlich, dass eine Band weniger als ein Jahr nach ihrem Debüt ein zweites Album veröffentlicht. Wer die Produktionszeiträume kennt, kann sich denken, dass große Teile des Nachfolgers schon vor der Veröffentlichung des Erstlings im Kasten gewesen sein müssen. Die Sängerin Adrienne Lenker erklärte das in Interviews mit einem kreativen Knoten, der im Studio geplatzt sei. Als das erste Album fertig eingespielt war, hatte sie schon wieder ein gutes Dutzend Songs im Kopf und wollte einfach weiter aufnehmen, bevor es wieder auf Tour ging. Als im April mit Erscheinen der Vorabsingle Mythological Beauty auch gleich das neue Album angekündigt wurde, war die Überraschung groß. Und gleichzeitig musste man befürchten, dass die Band sich verzockt hatte, denn der Song ist ein wenig langatmig, sehr düster und passte mit seinem winterlichen Video überhaupt nicht zur Frühlingsstimmung vor Ostern.

Mit dem Erscheinen der zweiten Single Shark Smile deutete sich dann aber bereits an, dass Big Thief da weitermachen, wo sie aufgehört hatten. Und nun machte auch die erste Vorabsingle Sinn, denn offensichtlich ging es bei der Auswahl vor allem darum, die Entwicklung der Band exemplarisch darzustellen. Die traditionell geschulte, aber extrem kreative Gitarrenarbeit trägt weiterhin die mehr oder weniger folkigen Indie-Rocksongs, die jeweils passend zu den poetisch formulierten Gedanken und Geschichten im Text sowohl melancholisch als auch euphorisch ausfallen können. Doch die dunklen Farben sind noch dunkler geworden und die hellen noch heller, die Intimität und Intensität der Texte ist noch extremer.

Eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst in der Musik wirkt bei vielen Künstlern befremdlich, nicht so aber in diesem Fall. Denn obwohl Adrienne Lenker erst 25 Jahre alt ist, hat sie schon eine Menge erlebt und musste sich alle Freiheiten, die ein Leben als Musiker verlangt, hart erkämpfen. Die tragischen Seiten ihrer fast romanhaften Vita, aber auch das große Glück, das sie in ihrer Arbeit erfährt, spiegelt sich in jedem Ton und jedem Takt der Musik wieder. Und wenn es so weitergeht mit der Inspiration, darf sie mit Big Thief gerne jedes Jahr ein neues Album veröffentlichen.