Twain – Rare Feeling: Musik an der Schwelle zur Magie

Auf seinem letzten Album “Life labors in the choir” hat sich Twains unglaubliche Energie 2014 zum ersten Mal so richtig entladen. Mit “Rare Feeling” balanciert er wieder auf dem schmalen Grat zwischen melancholischem Folk und herzzerreißendem Blues.

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20.10.2017 / Keeled Scales

Wenn Musik als existenzielle Ausdrucksform empfunden wird, ist das oft nicht nur für das Publikum eine Herausforderung. Twain hat jahrelang mit seiner Musik gehadert, sich in Projekten und Kollaborationen verheddert, alles versucht und alles aufgegeben, nur um sich 2014 mit Life labors in the choir wie aus dem Nichts ein Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Da kein Label bereit war, dieses monumentale Album zu verlegen, ruinierte sich Twain temporär durch die Entscheidung, es auf eigene Kosten zu wagen.

Das letzte Album wurde direkt auf Tape aufgenommen

Doch nach und nach wollten immer mehr Leute diese Platte, die wie im Rausch direkt auf Tape aufgenommen wurde und auf dem Weg ins Presswerk nie digitalisiert wurde. Heute ist die erste Auflage schon lange ausverkauft und sehr begehrt. Und weiterhin ist die Suche nach Direktheit und Unberührtheit der Musik ein großes Anliegen, deshalb gibt es etwa auch keine produzierten Musikvideos von den Songs des neuen Albums. In den improvisierten Sessionaufnahmen ist man ganz nah dran an der fabelhaften Stimme, am Menschen, seinen Songs und seiner Geschichte.

Diese puristische Intensität wäre auf Albumlänge vielleicht ein wenig zu viel. Deshalb hat sich Twain auch diesmal wieder lange mit den Arrangements herumgeschlagen, die nun die Essenz der Songs noch besser erfahrbar machen. In etwa so, wie ein Schluck Wasser einen allzu sperrigen Whisky eben nicht verwässert, sondern erst so richtig zur Entfaltung bringt. Die gleiche Notwendigkeit zeigt sich außerdem in der eigenartigen Angewohnheit, die Songs an bestimmten Stellen eine Weile anzuhalten. Immer wieder gibt es Phasen, in denen nichts passiert, in denen Erholung möglich ist. Doch dann geht es weiter, und selbst das sanfte Anrollen der Gitarre erscheint wie eine heftige Explosion.

Mit dem neuen Label Keeled Scales geht es hoffentlich weiter bergauf

Man darf Twain beglückwünschen, denn er hat sich durch schwere Zeiten gekämpft und ist dabei als Musiker immer kompromisslos seinen Weg gegangen. Mit einem aufstrebenden Label wie Keeled Scales im Rücken sollte es ihm nun endlich gelingen, in der Öffentlichkeit eine adäquate Würdigung seines immensen Talents, seiner einzigartigen Persönlichkeit und vor allem seiner fantastische Musik zu erzielen. Denn Twain ist einer der ganz wenigen Musiker, die mit handwerklichen Fähigkeit und unbedingtem Gestaltungswillen den Zwischenschritt in die komplexe Sphäre der Kunst einfach überspringen und direkt auf die Welt der Magie zugreifen.

https://open.spotify.com/album/7Lzc47VySqQYLS2ZR1bi5M

Twain – Life Labors in the Choir (2014)

VÖ: 11.3.2014 (Ohne Label)
Namedropping: Tim Buckley, Van Morrison, Mickey Newbury, Gram Parsons

Passt gut zu: Kopfkino, Fernweh, Tagträumen

Nachdem er ein paar Jahre als Multi-Instrumentalist bei der Indie-Folk-Band The Low Anthem vor sich hingedümpelt hatte, setzte sich Twain auf seinen Hosenboden und schrieb aus dem Nichts ein heimliches Meisterwerk, das nie bei einem Label erschien oder von irgendwelchen Medien berücksichtigt wurde. Die erste, auf eigene Kosten gepresste Edition von 300 Exemplaren war aber auf Bandcamp nach kurzer Zeit ausverkauft. Kein Wunder, denn hier gibt es nicht nur geniales Songwriting und bestechend geschmackvolle Arrangements, sondern eben auch eine herzergreifende Performance und vor allem ganz viel Seele. Eine ganz besondere Platte von einem ganz besonderen Künstler, die so langsam die Aufmerksamkeit bekommt, die sie schon seit drei Jahren verdient.

Achtung, Re-Release: Der Pre-Sale zur extrem begehrten zweiten Auflage erscheint am Donnerstag, den 23.2.2017. Unbedingt gleich hier vorbestellen!