Anna St. Louis – If Only There Was A River (2018)

Während ihrer Jugend im mittleren Westen hatte Anna St. Louis in wütenden Punkbands gespielt. Nach einem Umzug nach LA entdeckte sie aber im Umfeld des Labels Woodsist ihre Liebe zum Folk wieder.

Anna St Louis

Erschienen am 12. Oktober 2018 auf Woodsist

Schon 2015 nahm Anna St. Louis zuhause ein Demotape auf, dessen Material im Kern fast identisch mit dem nun erschienenen Debütalbum ist. Produzent Kevin Morby hat aber offensichtlich ein gutes Händchen, den Charme einer solchen Aufnahme im Kontext einer professionellen Produktion im Studio zu konservieren. Das erreicht er vor allem durch eine eiserne Disziplin bei der Aufnahmelautstärke: Häufig singt Anna St. Louis im untersten Bereich ihrer dynamischen Reichweite, aber dann muss eben einfach das Mikrofon näher ran und Nebengeräusche wie der Atem werden eingefangen wie durch einen akustischen Zoom. Wo Instrumente die Zimmerlautstärke überschreiten, scheinen sie dagegen fast im Nebenraum zu stehen. Das erzeugt Intimität und eine heimelige Atmosphäre, auch in den lauteren Nummern mit extra Gitarre und Schlagzeug.

Das Musikvideo zur Single „Understand“ auf Youtube:

Auf Albumlänge stellt sich heraus, dass Anna St. Louis mit Hits wie Understand ziemlich knauserig ist. Der in diesem Metier durchaus übliche Kracher aus der Schublade Folk-Rock ist ihre Sache nicht. Es sind eher die leisen und ganz leisen Töne, die ihre Qualitäten als Sängerin und Songwriterin sichtbar machen. Die gewohnten Fahrwasser des Indie Folk verlässt sie zugunsten minimalistischer Exkursionen in das weitestgehend unentdeckte Land zwischen Blues, Country und der traditionellen Musik nordamerikanischer Ureinwohner. Das erinnert natürlich an Buffy Sainte-Marie, die vor etwa einem halben Jahrhundert Erkundungen in die Musik ihrer Vorfahren anstellte und so zu ihrem unverkennbaren Stil fand. Soweit ist Anna St. Louis auf ihrem Debüt noch nicht, aber es ist auch deutlich mehr als nur ein vielversprechender Anfang.

Das ganze Album auf Spotify:


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Bonny Doon – Long Wave

Bonny Doon haben es nicht eilig: Die wundervoll vor sich hin schlurfenden Songs auf ihrem zweiten Album entstanden bereits vor zwei Jahren. Jetzt kommt das Material endlich heraus und beweist, dass die Jungs aus Michigan ein Händchen für großartige Roadtrip-Musik haben.

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Release: 23. März 2018 / Woodsist

Wenn es um Musik in Michigan geht, denken viele erst mal an die Rapszene von Detroit. Dabei gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Bands, die ausgehend von kleineren Städten wie Benton Harbor zumindest im Rest der USA für Aufmerksamkeit sorgen. Eine davon ist Bonny Doon, die vor gerade ein mal einem Jahr mit einem nicht uninteressanten, aber etwas unfertigen Debüt-Album um die Ecke kam. Das Label Woodsist hat das außergewöhnliche Talent der Jungs anscheinend sofort erkannt und gehörig auf die Tube gedrückt, um die zweite Platte möglichst schnell hinterher zu schieben.

Schon nach den ersten Takten von Long Wave ist aber klar, dass die Band es überhaupt nicht eilig hat, schon gar nicht musikalisch betrachtet. Kein Wunder, denn die Songs entstanden bei einem total entspannten Bandurlaub am wunderschönen Mystic Lake. Das war bereits 2016, seither lag das Material auf Eis und wartete geduldig auf seine Veröffentlichung. Schade eigentlich, denn seither mussten schon eine ganze Menge Roadtrips ohne die perfekte musikalische Untermalung überstanden werden. Denn was hier auf Albumlänge in aller Ruhe ausgefahren wird, eignet sich wie kaum etwas anderes für eine ausgiebige Runde Halbschlaf auf dem Beifahrersitz. Und diese Qualität ist kein Zufall: Die durchaus lebendige Konversation zwischen den Gitarren verläuft in raumgreifenden Wiederholungszaklen und wird fast überall durch eine subtile Orgel oder ein leise singendes Pedal Steel grundiert, womit das Geschehen wie durch einen Sepiafilter verschleiert wird. Ein extrem kohärentes und stimmungsvolles Album, das am Ende mit der fragmentarischen Schlussnummer Walkdown förmlich in seine Einzelteile zerfällt.

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John Andrews & The Yawns – Bad Posture (2017)

Bad Posture

VÖ: 10.3.2017 auf Woodsist
Klingt fast ein bisschen wie: Wilco, Michael Nau, Beatles
Passt gut zu: Einfahrt, Lampions, Grillparty

John Andrews ist und bleibt von Herzen ein Hinterwäldler, auch wenn er jetzt aus dem Amish Country in Pennsylvania in die vergleichsweise zivilisierten Hügel von New Hampshire umgezogen ist. Eine Veränderung, die sich auch musikalisch niederschlägt. Denn im Vergleich zum unglaublich guten, aber doch sehr verschrobenen Debütalbum Bit by the Fang (2015) ist Bad Posture schon deutlich zugänglicher, vor allem weil der Einsatz von Effekten reduziert wurde und die fantastisch klingenden Instrumente wie Gitarre, Rhodes und Piano richtig glänzen dürfen. Eine gewisse Schrägheit ist aber immer noch da und ergänzt sich wunderbar mit dem unglaublich ländlichen Feeling und dem stets etwas verpennten, schleppenden Groove. Und hier und da nimmt das Ganze auch eine poppige Wendung, wie sie Paul McCartney nicht besser hinbekommen hätte. Wenn John Andrews sich in diese Richtung weiterentwickelt, ohne sich selbst zu verleugnen, könnte mit den nächsten Album der ganz große Durchbruch gelingen.